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Hintergrund - 14.01.2022 - 00:00

Von der «Dreampreneurin» zur Entrepreneurin

Maria Luisa Fuchs leitet die Female Founder Initiative von Startup@HSG am Chair of Entrepreneurship. Die Initiative fördert Frauen, die ihr eigenes Unternehmen gründen möchten. Die Betriebswirtschafterin Fuchs coacht zukünftige Unternehmerinnen und bestärkt Frauen, ihre Ideen umzusetzen.

14. Januar 2022. «Ich könnte eine Gründerin werden!» Dieses Bewusstsein möchte Maria Luisa Fuchs bei den HSG-Studentinnen wecken. Die Hälfte der Studierenden an Schweizer Universitäten sind Frauen. Aber nur rund 35 Prozent der Unternehmerinnen sind weiblich. Gerade mal 10 Prozent der Frauen gründen ein Startup. «Das muss sich ändern!», sagte sich Maria Luisa Fuchs und lancierte 2019 die Initiative Female Founder am Startup@HSG Lab des «Center for Entrepreneurship».

Informieren, unterstützen und vernetzen

Die drei Pfeiler des Programms sind Information, Coaching und Vernetzung. «Gründerin sein kann man lernen. Wir begleiten die Frauen auf ihrem Weg als Unternehmerinnen. Wir vermitteln Know-how und stehen ihnen mit unseren Erfahrungen zur Seite. Rausgehen mit ihrer Idee und für diese Unterstützung einfordern, das müssen die Frauen dann selbst», so Maria Luisa Fuchs. 2019 fand der erste Anlass für zukünftige Unternehmerinnen und Gründerinnen statt. Alumnae, also ehemalige Studentinnen der HSG, die inzwischen ihr eigenes Unternehmen gegründet haben, diskutierten mit rund 20 Frauen im MakerSpace, dem Treffpunkt für Startups und kreative Köpfe an der HSG. Die erfolgreichen Unternehmerinnen sind wichtige Vorbilder für die Studentinnen. Sowohl Jungunternehmerinnen wie Léa Miggiano mit dem Auto-Abo Carvolution oder Melanie Gabriel mit Yokoy, einem Spesenabrechnungs-Startup, als auch erfahrene HSG-Alumnae wie Tech-Unternehmerin Nicole Herzog von Sherpany oder Startup-Seriengründerin Bettina Hein geben im Rahmen von «Ask the experts» Auskunft über ihren Werdegang.

Vereinbarkeit und Perfektionismus als Karrierefallen

Warum gründen Frauen weniger als Männer? Gerade in der Schweiz, wo doch die Bedingungen – rechtlich, ökonomisch oder bildungstechnisch – ideal sind? Die Gründe dafür seien vielschichtig, so Fuchs. Einen entscheidenden Nachteil in der Schweiz ortet Maria Luisa Fuchs, selbst Mutter von zwei Kindern, bei den immer noch konservativen Strukturen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. «Die Schweiz ist nicht eingerichtet für Mütter, die arbeiten oder ihr eigenes Unternehmen gründen wollen.» Frauen würden sich zudem oft selbst mit ihrem Perfektionismus im Weg stehen. «Es reicht, einen guten Job zu machen – es muss nicht immer perfekt sein.» Gerade bei Neugründungen könne das gar nicht der Fall sein, weil man ja erst einen Prototypen präsentieren müsse. Doch viele Frauen denken: «Erst wenn mein Produkt oder meine Website perfekt ist, traue ich mich an die Öffentlichkeit.»

Wie Frauen Verwaltungsrätinnen werden

Maria Luisa Fuchs ist selbst Gründerin eines erfolgreichen Startups. Weiterbildungen und Netzwerkveranstaltungen seien unabdingbar beim Gründen eines Unternehmens. Fuchs schwärmt von den zahlreichen schweizerischen Netzwerken, die sie als sehr demokratisch erlebt: «Man begegnet einander unabhängig von Position und Hierarchie auf Augenhöhe.» Den Schritt, sich mit dem eigenen Unternehmen zu exponieren, könne einem aber niemand abnehmen. Das musste sie auch selbst erfahren. «Vieles habe ich gelernt, indem ich es ausprobiert habe», so die Gründerin. Die Betriebswirtschafterin ist ausserdem seit sieben Jahren Verwaltungsrätin im Rorschacher Familienunternehmen Molkerei Fuchs – als erste Frau überhaupt in der Firmengeschichte. Seit 2021 sitzt Maria Luisa Fuchs auch bei Kornhaus Bräu, der Rorschacher Spezialitätenbrauerei, im Verwaltungsrat. Wie gelingt Frauen der Karriereschritt in den Verwaltungsrat? Netzwerke seien entscheidend. «Ausserdem muss ich mir bewusst sein, welche Firmen ich als Verwaltungsrätin beraten will und welchen Beitrag ich für das Unternehmen leisten kann: Was ist meine Expertise? Natürlich gehört auch der Wille dazu, Verantwortung zu übernehmen – auch finanzielle Verantwortung. Es geht immer ums Gleiche: Wissen, was du willst. Dann rausgehen», so die zweifache Verwaltungsrätin.

Kreativität als Ressource weniger entwickelter Länder

Maria Luisa Fuchs stammt ursprünglich aus Venezuela. Seit mehr als zwanzig Jahren lebt sie in Europa, seit vielen Jahren in der Schweiz. Die 49-Jährige stellt Unterschiede zwischen ihrem Heimatland und der Schweiz fest: «In der Schweiz ist es einfach, eine Firma zu gründen. Geld ist vorhanden. Ideen auch. Doch manchmal scheitert es an der Umsetzung.» Wohlstand kann das kreative Potenzial einschränken, weil dann weniger Druck besteht, etwas umzusetzen und zu verändern. In Entwicklungsländern wie Venezuela ist Kreativität eine Ressource, um Veränderungen voranzutreiben. Ausserdem ist es in ärmeren Ländern ökonomisch unabdingbar, dass sowohl Männer als auch Frauen arbeiten. Gründerinnen müssen oft finanziell für ihre Familien sorgen. Das funktioniert allerdings nur dank stabiler Gemeinschaften aus Familie und Freunden.

«Speed-Dating» für zukünftige Gründerinnen

Jeweils im Frühling und im Herbst organisiert die Female Founder Initiative Pitches für angehende Unternehmerinnen. Am 3. Mai 2022 findet der nächste Pitch statt. Am Pitch müssen die Frauen innerhalb von 90 Sekunden ihr Vorhaben auf den Punkt bringen und auf einer Folie ihre Idee präsentieren: Welches Problem wird gelöst und wie? Wie weit fortgeschritten ist das Projekt und welche Unterstützung braucht es noch? Es gehe nicht nur um die Finanzierung, sondern auch um mögliche Co-Founderinnen und Netzwerke. Nach der Präsentation erhält jede Frau die Gelegenheit, ein kurzes Interview mit einer Investorin oder einem Investor zu führen. Nach diesem «Speed-Dating» können die Gründerinnen dann bilateral auf mögliche Investoren zugehen. An der letzten Veranstaltung im vergangenen November war Fuchs beeindruckt von der Vielseitigkeit der Ideen: «Wow! Wie viele unterschiedliche Ideen Gestalt annehmen, aus den Bereichen MedTech, Fashion über FemTech bis hin zu Agronomie und Lebensmittel.» So wurde beispielsweise eine Maschine entwickelt, welche die für die Landwirtschaft wichtigen Nährstoffe misst. Oder eine nachhaltige Mietplattform für sogenannte zirkuläre Textilien – also kreislauffähige Kleider – ins Leben gerufen. Nicht nur die Themenbereiche sind vielseitig, sondern auch die Ausbildungen und Lebenssituationen der Frauen: So sei neben der Bachelor-Absolventin auch die promovierte Frau in der Lebensmitte vertreten, die nach dem Fokus auf ihrer Familie ihr eigenes Unternehmen gründen will.

In der Schweiz erhalten aktuell lediglich rund 7 Prozent der Frauen, die ein Startup gründen, ein Investment. Dies hänge einerseits damit zusammen, dass Frauen beim Pitching weniger zugetraut werde als Männern. Zudem seien die meisten Investoren männlich und diese würden auch eher Männer unterstützen. Aber auch entscheidend: «Man kriegt nichts, wenn man nicht fragt!», so Fuchs.

Von der «Dreampreneurin» zur Entrepreneurin

Neben den Anlässen, die Fachwissen und Informationen zum bestehenden Angebot vermitteln, bildet das Mentoring eine wichtige Unterstützung. Dieses findet laufend statt. Viele Frauen hätten eine Idee und würden gerne ein Unternehmen gründen, zögern dann aber bei der Umsetzung. Diese Lücke von der «Dreampreneurin» zur Entrepreneurin soll das Mentoring schliessen. Dabei begleiten die Mentorinnen, darunter Maria Luisa Fuchs, die Frauen während drei Monaten. «Natürlich kommen fachliche Fragen zur Sprache, aber es geht auch um psychologische Faktoren. Ich bin fast ein bisschen Lebensberaterin», lacht Maria Luisa Fuchs.

Text: Sabrina Rohner

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Mehr über Maria Luisa Fuchs: www.marialuisafuchs.com

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