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Forschung - 24.10.2022 - 00:00

HSG-Forschende untersuchen Cannabiskonsum im Alltag

Rund 80 Prozent der Cannabiskonsumenten haben ihren Konsum gut in den Alltag integriert. Zwei HSG-Soziologen untersuchen nun, wie dieser «gelingende» Cannabisgebrauch konkret aussieht. Ihre Forschung soll auch für anstehende Gesetzesänderungen Anhaltspunkte liefern.

24. Oktober 2022. «Forschende untersuchen Cannabiskonsum bis heute fast immer mit einem Fokus auf dessen problematische Auswirkungen. Wir greifen eine neue Perspektive auf», sagt Florian Elliker, Soziologe und ständiger Dozent an der HSG. Elliker erforscht seit diesem Juli im Projekt «Cannabis im Alltag» gemeinsam mit dem HSG-Soziologen Niklaus Reichle den «gelingenden» Cannabiskonsum. 

Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) konsumieren etwa drei Prozent der Schweizerinnen und Schweizer mindestens einmal monatlich oder häufiger Cannabis, was über 200’000 Personen entspricht. «Gut 80 Prozent von ihnen dürften laut wissenschaftlichen Erkenntnissen einen unproblematischen Konsum betreiben», sagt Elliker. Die beiden Wissenschaftler wollen beschreiben, wie diese Menschen ihren Konsum gestalten. 

Bereits 90 Konsumierende wollen Auskunft geben
Bereits haben sich seit Projektstart rund 90 Proband:innen bereit erklärt, den HSG-Soziologen zu erzählen, wie und weshalb sie Cannabis als Genussmittel verwenden. «Viele davon sind über 30 Jahre alt. Das widerspricht dem Bild der Öffentlichkeit, dass vor allem Jugendliche Cannabis rauchen», sagt Reichle. «Es sind beispielsweise Menschen in Kreativberufen, aber auch Banker oder Handwerker. Einige konsumieren seit Jahrzehnten, sind dabei aber weitgehend unauffällig.» 

Alle Studienteilnehmer:innen füllen zuerst einen Onlinefragebogen aus, der auch das international etablierte Suchtmonitoringtool CUDIT-R (Cannabis Use Disorders Identification Test) enthält. Dieses erfasst problematischen Cannabisgebrauch. «Sollten wir auf Personen stossen, deren Umgang mit Cannabis uns problematisch erscheint, werden wir sie auf Beratungsangebote aufmerksam machen», sagt Elliker. Mit rund 30 der Proband:innen planen die Forscher halbstrukturierte, bis zu zweistündige Interviews. Einen Anspruch auf Repräsentativität haben sie nicht: «Wir machen qualitative Sozialforschung. Diese will Aspekte des untersuchten Themas beschreiben, benennen und einordnen, aber keine Aussage über Kausalzusammenhänge machen», sagt Elliker. 

Pilotversuche in der Ostschweiz geplant
Die Ergebnisse der auf knapp zwei Jahre angelegten Studie sollen in wissenschaftlicher Form aber auch in einer Publikation, die sich an die breite Öffentlichkeit richtet, aufbereitet werden. «Wir möchten auch Menschen ausserhalb des akademischen Systems erreichen», sagt Elliker.

Die HSG-Forscher greifen mit «Cannabis im Alltag» aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen auf: Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des BAG befürworten über zwei Drittel der Schweizer:innen eine streng reglementierte Liberalisierung von Cannabis. Wie eine solche aussehen könnte, dazu laufen derzeit oder starten demnächst in verschiedenen Schweizer Städten vom Bund bewilligte Pilotprojekte. In diesen wird Cannabis als Genussmittel an Studienteilnehmer:innen legal verkauft. 

Reichle und Elliker möchten sich im Anschluss an ihre Grundlagenforschung an einer entsprechenden, auf drei Jahre angelegte Pilotstudie in der Ostschweiz beteiligen. Dazu arbeiten sie mit einem Team der Fachhochschule Ost zusammen, das bereits von zwei Ostschweizer Gemeinden die Bewilligung zur Durchführung einer Pilotstudie eingeholt hat. Nicht dabei ist aktuell die Stadt St.Gallen. Deren Regierung prüft derzeit einen Antrag der HSG-Forscher, eine Studie durchzuführen, in der ausgewählte Studienteilnehmer:innen Cannabis legal in Apotheken kaufen können. 

Anstehende Liberalisierung weckt kommerzielle Interessen
Diese Pilotstudien sollen Wissen für eine gesetzliche Neuregelung im Umgang mit Cannabis liefern. Unabhängig davon, ob die St.Galler Studie zustande kommt, soll auch «Cannabis im Alltag» der Politik erste Antworten zu bevorzugten Konsumorten, -motiven und zum Kaufverhalten liefern. Das Projekt ist vom Grundlagenforschungsfonds der HSG finanziert. «Wir sind damit absolut unabhängig», sagt Elliker. Das sei in der aktuellen Situation ein Vorteil: «Verschiedene kommerzielle und politische Akteure bringen sich bereits in Stellung für eine allfällige Neuregelung des Cannabisgebrauchs.» Ihnen als Wissenschaftler – als Forschungsteam nennen sich Reichle und Elliker «Unexplored Realities» – gehe es hingegen darum, unvoreingenommene Beobachtungen zu machen. «Denn die gesetzliche Behandlung und die soziale Bewertung verschiedener Drogen – dazu zählen auch Alkohol und Tabak – ist oft nicht von rationalen Erkenntnissen, sondern von sozialen Konstruktionen und wirtschaftlichen Interessen geprägt», sagt Reichle. 

Studierende werden zu Forschenden
Die beiden HSG-Soziologen wollen sich zudem langfristig dem Thema Drogen widmen: Sie sind dabei, einen Forschungsschwerpunkt zum Thema Drogen an der HSG aufzubauen. Nach Cannabis möchten sie Psychedelika mit einem ähnlichen Fokus untersuchen. Elliker unterrichtet zudem seit vier Jahren den Kurs «Drogen und Gesellschaft» an der HSG. In diesem befragen Masterstudierende unter anderem Konsument:innen verschiedener Drogen. «Sie sollen dabei auch die Rolle von Forschenden einnehmen, statt nur vorgegebenes Wissen zu verarbeiten», sagt Elliker. «Letztlich geht es bei dieser Arbeit der Studierenden darum, ein kritisches Denken zu entwickeln – gerade auch in Hinblick auf wissenschaftliche Ergebnisse.»

Für die Studie werden nach wie vor Teilnehmer:innen gesucht. Mehr Informationen unter diesem Link

Bild: Adobe Stock / cendeced

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