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Forschung - 14.06.2024 - 10:50 

«Freedom-to-Flourish Manifesto»: Ein Paradigmenwechsel im Leistungsmanagement soll erfüllendes Leben am Arbeitsplatz fördern

Die Frage nach dem Sinn der Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Beitrag gewinnt zunehmend an Bedeutung. Angesichts der grossen Rolle, die Arbeit in unserem Leben spielt, und der Bedeutung kreativer Zusammenarbeit im Unternehmen zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen, ist es an der Zeit, strukturelle Personalführung neu zu denken.

Dabei rückt auch das Leistungsmanagement in den Fokus, da dieser zentrale Prozess weiterhin stark umstritten ist. Mit dem «Freedom-to-Flourish Manifesto» präsentieren die Autorinnen und Autoren einen neuen Ansatz, der sowohl den Bedürfnissen der Mitarbeitenden als auch den gesellschaftlichen Entwicklungen gerecht wird.

Das Leistungsmanagement steht am Scheideweg und kämpft mit seinen eigenen Schwächen. Konventionelle Vergütungsmethoden sind nach wie vor weit verbreitet, obwohl überzeugende Beweise für deren Unwirksamkeit vorliegen. Pay-for-Performance-Strategien können die intrinsische Motivation der Mitarbeitenden untergraben und ihre tatsächliche Leistung schmälern, während sie versteckte Kosten für das Unternehmen verursachen (vgl. Roberts 2010, Kuvaas et al. 2017). Darüber hinaus perpetuieren erzwungene Leistungsvergleiche und exzessive Lohnunterschiede oft internes Konkurrenzdenken, unethische Praktiken und Ungleichheit  Es ist auch bekannt, dass Mitarbeitende Leistungsbewertungen oft als wenig inspirierend empfinden und Feedback als wenig hilfreich be-trachten, während sie den gesamten Prozess als grundsätzlich unfair wahrnehmen. Aktuelle Umfragen (siehe Zanini 2024, Ulrich 2024) bestätigen dies. So sind über 90 % der befragten Organisationen mit ihrem aktuellen Bewertungssystemen unzufrieden. Nur 14 % der Mitarbeitenden stimmen stark zu, dass Leistungsbewertungen sie zur Verbesserung motiviere. Doch auch das HR selbst stellt die Wirksamkeit seiner Methoden und Massnahmen in Frage. So sind etwas nur 8 % der HR-Führungskräfte der Meinung, dass Leistungsüberprüfungen zum Geschäftserfolg beitragen und 98 % der HR-Manager glauben, dass jährliche Bewertungen nichts nützen. Es braucht also zwingend neue Ansätze, welche den Bedürfnissen der Mitarbeitenden und den gesellschaftlichen Entwicklungen adäquat Rechnung tragen.

Das HR in der Pflicht

Angesicht dieser Herausforderungen hat HSG-Professorin Antoinette Weibel, Direktorin des Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitswelten (FAA-HSG), gemeinsam mit Otti Vogt, Mitbegründer der Good Leadership Society das «Freedom-to-Flourish Manifest» initiiert. Die Initiative hat das Ziel, die Zukunft der Arbeit neu zu gestalten. Zusammen mit weiteren Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft haben sie ein Rahmenwerk geschaffen, das HR-Führungskräfte dabei unterstützt, ihre Organisationen so umzugestalten, dass diese mehr Sinn, Leistung und sozialen Wert schaffen. Erstmals vorgestellt wurde das Manifesto am HR Congress World Summit 2024 in Porto, wo es grossen Zuspruch erhielt. «Wir sind überzeugt, dass HR die Führung bei der Umgestaltung von Organisationen übernehmen soll, damit diese künftig mehr Freiheit für die Entfaltung ihrer Mitarbeitenden ermöglichen. Es muss eine Priorität sein, Machtungleichgewichte in Unternehmen zu korrigieren sowie sicherzustellen, dass jede Stimme wertgeschätzt wird und alle die grundlegende Freiheit haben, sich am Arbeitsplatz zu entfalten», so Prof. Antoinette Weibel. Die Führungsrolle des HR bei der ganzheitlichen Unternehmenstransformation besteht unter anderem darin, dass es den Dialog dazu in der Organisation initiiert und moderiert. 

Das Manifest

Das «Freedom-to-Flourish Manifesto» steht für einen revolutionären Wandel im Leistungsmanagement. Im Kern geht es darum, Menschen nicht als austauschbare Ressourcen zu betrachten. Stattdessen sollen Unternehmen und Mitarbeitende gemeinsam zur Exzellenz finden, indem sie folgende Grundlagen berücksichtigen:

  1. Freiheit und Entfaltung statt Kontrolle und Dienst nach Vorschrift: Ein erfüllendes Leben für alle Anspruchsgruppen steht im Mittelpunkt. Es geht darum, individuelle Freiheit zu fördern und die Entfaltung von Potenzialen zu ermöglichen.
  2. Purpose und gesellschaftlicher Beitrag statt Budget-Schacherei: Leistung misst sich am Purpose (Sinn und Zweck) einer Tätigkeit. Profite sind wichtig, aber nicht allesentscheidend. Es geht darum, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
  3. Systemwandel statt individuelle Leistungsbeurteilungen: Leistung sollte durch die aktive Entwicklung von Menschen, Werten und Organisationsdesign vorangetrieben werden, statt dass nur auf individuelle Aufgaben fokussiert wird.
  4. Gemeinsam wachsen statt Ranglisten und Boni: Leistung ist ein gemeinsames Produkt. Die Zusammenarbeit und die gemeinsame Schaffenskraft stehen im Mittelpunkt.

Auf dieser Grundlage haben die Autorinnen und Autoren 11 konkrete Prinzipien für die Praxis erarbeitet. So ist das «Freedom-to-Flourish Manifesto» eine inspirierende Vision für ein Leistungsmanagement, das auf Stärken, Sinn, Freiheit und Gemeinschaft setzt.

Partner für Praxistest gesucht

Die Initianten des Manifests sind daran interessiert, geeignete Partner für die Erprobung ihrer Prinzipien und deren Weiterentwicklung zu finden. Organisationen, welche hier eine Pionierrolle übernehmen und aktiv an der Weiterentwicklung partizipieren wollen, sind gerne dazu eingeladen, sich direkt bei Antoinette Weibel zu melden.

Eine PDF-Datei des Manifests finden sie hier.

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