Hintergrund - 03.06.2026 - 09:00
Viele Menschen denken vermutlich nicht daran, dass sie damit an einer Tradition teilnehmen, die mehrere tausend Jahre zurückreicht. Aus soziologischer Sicht ist aber vor allem spannend, wie stark Marktplätze organisiert sind (Berliner Journal für Soziologie). Welche Waren angeboten werden, wie gehandelt wird, welche Regeln gelten oder welche Qualitätsstandards erfüllt werden müssen: All das wird nicht dem Zufall überlassen. Hinter jedem Marktplatz stehen Entscheidungen darüber, wie Handel ermöglicht und gestaltet wird.
Wer auf Ricardo kauft, folgt einer jahrtausendealten Tradition: Im Kern funktionieren sie nach denselben Prinzipien. Auch digitale Marktplätze (The British Journal of Sociology) sind organisierte Orte des Austauschs, selbst wenn der «Marktplatz» heute nicht mehr ein physischer Platz, sondern eine App oder Website ist. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass digitale Plattformen weitgehend ortsunabhängig sind und sich sehr leicht skalieren lassen. Dadurch können sie in kurzer Zeit enorme Grössen erreichen und unter Umständen sogar monopolartige Strukturen entwickeln.
Vertrauen entsteht zunächst durch den gesellschaftlichen Kontext. Menschen handeln eher auf Marktplätzen, die in stabile, rechtliche und institutionelle Strukturen eingebettet sind – etwa in einem Land wie der Schweiz. Diese Grundvoraussetzung schafft Sicherheit. Darüber hinaus können Marktplätze selbst viel dazu beitragen, Vertrauen aufzubauen, beispielsweise durch transparente Regeln, verlässliche Informationen oder wirksame Kontrollmechanismen.
Wenn bereits alle alles wissen würden, gäbe es kaum noch etwas zu (ver)handeln. Unsicherheit gehört zu den grundlegenden Bedingungen wirtschaftlichen Handelns. Sie schafft Möglichkeiten für Gewinne und Innovationen. Aus einer breiteren Perspektive betrachtet, stellt sich die Frage, ob Unsicherheit und Mehrdeutigkeit nicht zu den grundlegenden Bedingungen menschlichen Handelns überhaupt gehören. Mit dieser Frage beschäftige ich mich derzeit in einem weiteren Forschungsprojekt.
Anfang Juni diese Woche kommen mehr als 40 Forschende aus aller Welt im SQUARE zusammen. Worüber diskutieren Sie dort?
Im Zentrum unsere Workshops stehen die Beiträge für ein neues Handbuch über Marktplätze, das bei Oxford University Press erscheint. Die Autorinnen und Autoren decken ein bemerkenswert breites Spektrum ab: Von Archäologie und Geschichte bis hin zu Soziologie und Ökonomie. Unser Ziel ist es, den aktuellen Forschungsstand zu Marktplätzen zusammenzuführen und einen umfassenden Überblick über das Thema zu geben.
Wer die Diskussionen verfolgt, erhält Einblicke in viele aktuelle Entwicklungen. Dabei geht es etwa um digitale Marktplätze und neue Arbeitsformen, aber auch um die historische und kulturelle Entwicklung von Märkten. Gerade diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart hilft uns zu verstehen, wie Handel organisiert wird – und welche Herausforderungen und Chancen die Marktplätze der Zukunft prägen werden.
Patrik Aspers ist Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Universität St.Gallen. Zuvor hatte er Positionen in Schweden und Deutschland inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wirtschaftssoziologie und soziologische Theorie. Einen weiteren Beitrag zu seiner Arbeit über Unsicherheitsreduktion finden Sie hier.
Das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Forschungsprojekt «Trading Conditions on Marketplaces» untersucht, wie Handel auf traditionellen und digitalen Marktplätzen organisiert wird. Im Fokus stehen die Bedingungen, unter denen Menschen Vertrauen aufbauen, Entscheidungen treffen und wirtschaftliche Transaktionen eingehen. Die Ergebnisse fliessen in das Oxford Handbook of Marketplaces ein, welches von Patrik Aspers, Judith Nyfeler, Luca Perrig und Loïc Pignolo herausgegeben wird (Forschungsteam). Am 3. und 4. Juni 2026 diskutieren mehr als 40 Forschende aus aller Welt die Beiträge für das Handbuch an einem internationalen Workshop im SQUARE der Universität St.Gallen.
Foto: Unsplash/ Lisheng Chang
