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Forschung - 06.08.2026 - 09:00 

Finanzmärkte der Zukunft: Der NFT-Markt als Labor der Verhaltensökonomie

Warum fällt es Menschen so schwer, Verluste zu realisieren? Gerade auf dem Markt für Non-Fungible Tokens (NFTs) ist dieser psychologische Effekt stark ausgeprägt, stellen Forschende der School of Finance an der Universität St.Gallen fest. Ihre Analyse liefert neue Erkenntnisse zum Verhalten von Anlegerinnen und Anlegern.
Quelle: HSG Newsroom

Der Hype um Non-Fungible Tokens (NFTs) ist längst abgeflaut. Doch gerade jetzt lohnt sich der Blick auf diesen Markt. Eine neue Untersuchung der Universität St.Gallen (HSG) zeigt: NFT-Anlegerinnen und -Anleger treffen systematisch irrationale Verkaufsentscheidungen. Sie realisieren Gewinne zu früh und halten verlustreiche Positionen zu lange. Ein psychologisches Muster, das in der Finanzforschung als «Disposition Effect» bekannt ist. Sind NFTs lediglich ein Extremfall – oder zeigen sie besonders deutlich, wie Menschen investieren, wenn objektive Bewertungen fehlen?

Weshalb klassische Verhaltensmuster der Finanzpsychologie auch auf dem NFT-Marktplatz gelten

Für ihre Studie analysierten Andrea Barbon, Charles Milliet und Matthias Weber mehr als 722'000 Transaktionen von über 180'000 Wallets auf OpenSea, einem der weltweit grössten NFT-Marktplätze. Damit liefert die Untersuchung die bislang umfassendste Evidenz dafür, dass klassische Verhaltens-muster der Finanzpsychologie auch in digitalen Vermögensmärkten gelten – und dort sogar deutlich stärker ausgeprägt sind.

Mit dem Boom generativer KI entstehen derzeit neue digitale Güter, Sammlerstücke und tokenisierte Vermögenswerte. Gleichzeitig arbeiten Banken, Börsen und Regulierungsbehörden weltweit an der To-kenisierung realer Vermögenswerte, von Kunstwerken bis zu Immobilien. «NFTs sind ein ideales Labor, um zu untersuchen, wie Menschen investieren, wenn objektive Bewertungsmassstäbe weitgehend fehlen – dann können psychologische Verzerrungen besonders deutlich zutage treten», sagt Co-Autor Prof. Dr. Matthias Weber von der School of Finance der Universität St.Gallen.

Warum ist der Disposition Effect im NFT-Markt dreimal stärker als an der Börse?

Der sogenannte Disposition Effect wurde ursprünglich an Aktienmärkten beschrieben: Anleger verkau-fen Wertpapiere mit Gewinn häufig vorschnell, weil sie den Erfolg sichern wollen. Verluste hingegen werden ausgesessen, in der Hoffnung auf eine spätere Erholung. Dieses Verhalten zeigt sich auch bei NFTs. Die Wissenschaftler stellen jedoch fest, dass der Effekt im NFT-Markt rund dreimal stärker ausge-prägt ist als in klassischen Aktienmärkten.

Ein Grund: Der Markt wird überwiegend von privaten Anlegerinnen und Anlegern geprägt. Gleichzeitig fehlen bei NFTs objektive Fundamentaldaten oder allgemein anerkannte Bewertungsmodelle. Dadurch gewinnen Emotionen und subjektive Erwartungen stärker an Einfluss.

Was Illiquidität mit Fehlentscheidungen zu tun hat

Die Forscher entwickelten zudem eine neue Methode, um den Disposition Effect in wenig liquiden Märk-ten zu messen. Denn viele NFTs lassen sich nicht sofort verkaufen. Häufig fehlt schlicht die passende Käuferin oder der passende Käufer.

Berücksichtigt man bereits den Zeitpunkt, an dem ein NFT zum Verkauf angeboten wird, anstatt erst den tatsächlichen Verkauf, fällt der gemessene Disposition Effect etwa halb so gross aus. Das zeigt: Ein erheb-licher Teil des beobachteten Verhaltens entsteht nicht nur durch die Entscheidungen der Verkäuferinnen und Verkäufer, sondern auch durch mangelnde Liquidität und die Zurückhaltung potenzieller Käufer.

«Unsere neue Messmethode hilft, den Einfluss menschlicher Entscheidungen von jenem mangelnder Marktliquidität zu trennen. Sie könnte künftig auch bei Kunst-, Immobilien- oder anderen wenig liquiden Märkten eingesetzt werden», sagt Co-Autor Andrea Barbon.

Zwischen Hoffnung und Realität: Wie NFT-Investierende entscheiden

Warum aber ist der Disposition Effect im NFT-Markt deutlich stärker ausgeprägt als an Aktienbörsen? «Etwa die Hälfte des stärkeren Disposition Effects lässt sich durch die geringe Liquidität erklären», sagt Studienautor Matthias Weber. Viele NFTs finden nicht sofort eine Käuferin oder einen Käufer. Berück-sichtigt die Analyse bereits den Zeitpunkt, an dem ein NFT zum Verkauf angeboten wird, statt erst den tatsächlichen Verkauf, fällt der Effekt deutlich geringer aus. «Danach ist der Effekt zwar immer noch grösser als am Aktienmarkt, aber nur noch rund eineinhalbmal so stark. Ob dies an den Eigenschaften der Anlegerinnen und Anleger oder an fehlenden objektiven Bewertungskriterien liegt, können wir nicht eindeutig unterscheiden.»

Die Erkenntnisse dürften auch für andere spekulative Märkte relevant sein. «Bei Memecoins oder Kryp-towährungen würde ich vermuten, dass der Effekt ebenfalls stark ausgeprägt ist», sagt Weber. «Bei KI-Aktien ist das schwieriger zu beurteilen – auf der einen Seite sind sie Teile des klassischen Aktienmarkts, auf der anderen Seite beruhen ihre Bewertungen ebenfalls stark auf Erwartungen und nicht auf leicht quantifizierbaren Kriterien.» Zudem zeigt die Studie, dass selbst häufig handelnde NFT-Investierende nicht weniger anfällig für den Disposition Effect sind als Gelegenheitsanlegerinnen und -anleger – an-ders als in klassischen Finanzmärkten. 

Ein weiteres Ergebnis: Gegen Jahresende realisieren NFT-Investierende häufiger Verluste. Dieses aus Aktienmärkten bekannte Verhalten, das mit steuerlichen Gründen erklärt werden kann, lässt sich damit erstmals auch für Blockchain-basierte Vermögenswerte nachweisen.

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick: 

•    NFT-Investierende verkaufen profitable Anlagen systematisch zu früh und behalten verlustrei-che Positionen zu lange.
•    Der Disposition Effect ist im NFT-Markt rund dreimal stärker ausgeprägt als im klassischen Ak-tienhandel.
•    Eine neu entwickelte Messmethode ermöglicht erstmals eine genauere Analyse von Anlegerver-halten in illiquiden Märkten.
•    Geringe Marktliquidität trägt zur Stärke des Disposition Effects im NFT-Markt bei.
•    Die Methode ist auch auf Kunst-, Immobilien- oder andere tokenisierte Vermögenswerte über-tragbar.

Die Studie erweitert damit die Anlegerverhaltensforschung, im Fachjargon «Behavioral Finance», über klassische Finanzmärkte hinaus. Sie zeigt, dass psychologische Entscheidungsfehler auch in digitalen Vermögensmärkten eine zentrale Rolle spielen und angesichts der fortschreitenden Tokenisierung der Wirtschaft künftig noch an Bedeutung gewinnen dürften. 

Mehr zum Working Paper: Barbon, Andrea and Milliet, Charles and Weber, Matthias: The Disposition Effect in the NFT Market (March 16, 2026) at SSRN.

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