Forschung - 20.02.2026 - 13:55
In den Netzleitstellen des Schweizer Stromnetzbetreibers Swissgrid in Aarau und Prilly herrscht ein ständiger Kampf um das Gleichgewicht: Genau 50 Hertz muss die Frequenz im Schweizer Stromnetz betragen, damit elektronische Geräte einwandfrei funktionieren. Um dies zu gewährleisten, muss die Stromproduktion stets an den effektiven Stromverbrauch angepasst werden. Dieser Abgleich wird jedoch immer komplexer, da die Stromproduktion durch den zunehmenden Einsatz von erneuerbaren Energien stärkeren Schwankungen ausgesetzt ist. Die Kosten hierfür tragen am Ende die Verbraucher über die Netzgebühren.
Traditionell sorgten in der Schweiz vor allem grosse Wasserkraftwerke für die nötige Regelenergie, um Schwankungen zwischen Produktion und Verbrauch auszugleichen. Doch der Markt wandelt sich. Laut Prof. Dr. em. Karl Frauendorfer, früherer Direktor des Instituts für Operations Research und Computational Finance der Universität St.Gallen (ior/cf-HSG) und ehemaliger Leiter eines nun abgeschlossenen Forschungsprojektes zum Thema, mischen heute vermehrt neue Akteure mit: «Sogenannte Flexibilitätsanbieter halten Pools aus Biogasanlagen, Kleinwasserkraftwerken, Batteriespeichern und sogar steuerbaren Grossverbrauchern wie Wärmepumpen. Damit bieten sie den Netzbetreibern wie Swissgrid flexibel Stromproduktion oder Stromverbrauch zur Stabilisierung des Stromnetzes an.» Flexibilitätsanbieter können ihren Strom jedoch auch auf dem sogenannten Intraday-Markt handeln . Dieser trägt dazu bei, Systemungleichgewichte etwa aus schwankender erneuerbarer Erzeugung zu reduzieren, noch bevor Regelenergie benötigt wird. Im aktuellen Strommarktdesign konkurrieren der Intraday-Markt und der Markt für Regelenergie, da die Leistung nur auf einem von beiden angeboten werden kann.
Das transnationale Forschungsprojekt DigIPlat, an welchem das ior/cf-HSG beteiligt war und das unter anderem vom Schweizer Bundesamt für Energie mitfinanziert wurde, hat nun analysiert, wie diese Flexibilitätsanbieter ihre Leistungen optimal vermarkten können. Dabei konnten die Forschenden nachweisen, dass sich durch eine Kopplung beider Märkte die Marktliquidität erhöhen lässt. «Für einen Flexibilitätsanbieter führt dies potenziell zu höheren Erlösen, während Endverbrauchende von tieferen Netzgebühren profitieren», sagt Dr. Michael Schürle vom ior/cf-HSG. Die Forschenden untersuchten ausserdem die Plattform PICASSO, über die bereits 15 EU-Staaten grenzüberschreitend Regelenergie austauschen. PICASSO erlaubt ein effizienteres Beheben von Ungleichgewichten zwischen den teilnehmenden Ländern und senkt damit die benötige Menge an Regelenergie. Beides führt gemäss Michael Schürle letztlich zu tieferen Kosten für Endverbrauchende in der EU.
Trotz ihrer physischen Einbindung ins europäische Stromnetz könne die Schweiz aktuell nicht vollumfänglich davon profitieren, so Michael Schürle: «Da das Stromabkommen mit der EU noch fehlt, sind die Volumen am Schweizer Intraday-Markt ohne grenzüberschreitenden Handel eingebrochen.» Ausserdem hat Swissgrid eine Harmonisierung an den Gebotsmechanismus von PICASSO vorgenommen, ist aber operativ nicht an den automatisierten Austausch über die Plattform angebunden. «Während früher die Preise für Regelenergie an jene der Strombörse gebunden waren, bilden sie sich jetzt in der Schweiz auf einem eigenen Markt, der von wenigen grossen Anbietern mit hoher Preissetzungsmacht geprägt ist.»
Für Michael Schürle bestätigen die Forschungsresultate daher, dass die Schweiz von einem Stromabkommen mit der EU profitieren würde: «Durch eine Teilnahme am grenzüberschreitenden Intraday-Markt sowie an Kooperationen wie PICASSO, die durch ein Stromabkommen mit der EU möglich würden, hätten hiesige Flexibilitätsanbieter zusätzliches Potential zur Vermarktung ihres Angebotes. Gleichzeitig könnten Schweizer Verbraucher mit tieferen Kosten für die Stabilisierung des Netzes rechnen.» Das Stromabkommen zwischen der Schweiz und der EU ist Teil des Verhandlungspaketes Bilaterale III und wird derzeit in der Schweiz parlamentarisch behandelt.
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