Forschung - 06.01.2026 - 09:30
Das Hoffnungsbarometer wird in der Schweiz seit 2009 jährlich im November für das kommende Jahr in einer breit angelegten Internet-Umfrage zusammen mit dem Medium «20 Minuten» durchgeführt. Auffällig ist die deutliche Trennung zwischen persönlichem und sozialem Wohlbefinden. Mehr als die Hälfte der Befragten fühlt sich glücklich oder ziemlich glücklich, das persönliche Wohlbefinden hat sich nach den Krisenjahren zuletzt sogar leicht verbessert.
Deutlich kritischer fällt hingegen die Einschätzung des gesellschaftlichen Umfelds aus. Viele Menschen zweifeln daran, dass sie selbst etwas zur Gesellschaft beitragen können, und nur eine Minderheit glaubt, dass Menschen grundsätzlich gut sind. Das Vertrauen in das gesellschaftliche «Wir» bleibt damit fragil. Gleichzeitig zeigt die Studie ein stabiles Fundament an persönlicher Hoffnung. Rund drei Viertel der Befragten geben an, auch in schwierigen Zeiten hoffnungsvoll bleiben zu können. In ihrem Alltag überwiegen Hoffnungen häufiger als Ängste. Hoffnung wird dabei nicht als unrealistischer Optimismus verstanden, sondern als Fähigkeit, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Sie speist sich aus dem Wunsch nach einer guten Zukunft, dem Glauben an deren grundsätzliche Möglichkeit und dem Vertrauen in eigene oder gemeinsame Ressourcen.
Besonders ambivalent fällt der Blick in die ferne Zukunft aus. Rund zwei Drittel der Befragten erwarten, dass die Lebensqualität in der Schweiz in zwanzig Jahren sinken wird. Gleichzeitig zeichnet sich ein klares Wunschbild ab: Eine grosse Mehrheit wünscht sich eine nachhaltigere, kooperativere und sozial ausgewogenere Gesellschaft. Lebensqualität, Zusammenhalt und ökologische Verantwortung werden dabei höher gewichtet als reines Wirtschaftswachstum.
Ein Befund, der bisher wenig Beachtung fand, betrifft den Wandel des Wohlstandsverständnisses. Viele Menschen stellen das Primat des Wirtschaftswachstums infrage und messen immateriellen Faktoren wie Sinn, sozialer Stabilität und Zugehörigkeit grössere Bedeutung bei. «Dies könnte auf einen kulturellen Wertewandel hindeuten, der über kurzfristige Konjunkturfragen hinausgeht», sagt Studienleiter Andreas Krafft. Allerdings mit einer Einschränkung: Sicherheit und Stabilität gälten nach wie vor als Basis für ein zufriedenes Leben, ergänzt er.
Bereitschaft zu tiefgreifenden Veränderungen im eigenen Lebensstil ist grundsätzlich vorhanden, aber nicht überbordend. Veränderung wird mehrheitlich befürwortet, solange sie nicht als Kontrollverlust erlebt wird. «Die Bevölkerung zeigt sich weniger reformmüde als risikosensibel», sagt Krafft. «Politische oder gesellschaftliche Veränderungen benötigen nicht nur sachliche Notwendigkeit, um auf Akzeptanz zu stossen. Sondern auch eine gewisse Attraktivität und Vertrauen in die Sinnhaftigkeit einer Transformation», ergänzt der Studienautor das Lagebild. Die im Hoffnungsbarometer sichtbaren Polaritäten, etwa Leitkultur versus Diversität, Standortwettbewerb versus Mut im Klimaschutz, staatliche Steuerung versus unternehmerische Freiheit versteht Andreas Krafft als Gestaltungsräume. «Solange ein überzeugendes ‘Neues’ nicht sichtbar und im Alltag erfahrbar wird, bleibt die Polarisierung bestehen: Dann dominiert das Bedürfnis nach Sicherheit, während Veränderung als Bedrohung erlebt wird», erklärt der Studienleiter. Zukunft brauche gerade deshalb nicht nur Notwendigkeit. Sondern ein gemeinsames Zielbild, das den Zugewinn an Lebensqualität, Sinn, Fairness und Stabilität konkret macht. Und so Hoffnung in Handlungsbereitschaft umsetzt.
Das Hoffnungsbarometer zeichnet damit kein Bild einer resignierten Gesellschaft, sondern eines «Landes im inneren Spannungszustand». Persönliche Stabilität trifft auf gesellschaftliche Verunsicherung, Wunschbilder auf skeptische Erwartungen. Hoffnung ist dabei keine Selbstverständlichkeit, aber sie ist vorhanden und gilt als wichtig. Ob sie zu einer gestaltenden Kraft wird, hängt davon ab, ob es gelingt, gemeinsame Zukunftsbilder glaubwürdig zu vermitteln und Räume für Teilhabe zu öffnen.
Das Hoffnungsbarometer wird seit 2009 jährlich für das kommende Jahr in einer Online-Umfrage mit Unterstützung der Tageszeitung «20 Minuten» erhoben. Der aktuelle Bericht stellt die Ergebnisse der Umfrage im November und Dezember 2025 vor. Beginnend in der Schweiz wird die Umfrage in Zusammenarbeit mit weiteren Universitäten auch in der Slowakei, in Rumänien, Frankreich, Indien, Israel, Italien, Nigeria, Polen, Portugal, Spanien, Südafrika, Estland, Brasilien und Japan durchgeführt. Befragt wurde die Öffentlichkeit zu ihren Zukunftserwartungen, langfristigen gesellschaftlichen Zukunftsszenarien und Hoffnungen, wünschenswerten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sowie zu ihrer Haltung gegenüber dem Klimawandel. Studienleiter Dr. Andreas M. Krafft, Titularprofessor für Strategic Foresight am Institut für Systemisches Management und Public Governance der Universität St.Gallen (HSG) sowie Co-Präsident von swissfuture. Hier finden Sie die vollständige Studie Hoffnungsbarometer 2026 zum Download.
Mehr zum Thema Hoffnungsforschung und Positive Psychologie finden Sie auch im Spiegel-Podcast «Smarter Leben» mit Dr. Andreas M. Krafft sowie in der vom SRF produzierten Sendung «Hoffnungsbringer» und im SRF-Beitrag «Wie wir Zuversicht bewahren, wenn die Welt aus den Fugen gerät». Die Studienergebnisse wurden auch vom Projektpartner 20 Minuten veröffentlicht.
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