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Forschung - 23.11.2020 - 00:00

Die Entstehung inklusiver Sprache: Zum Umgang mit Widerständen

Wie steht es um geschlechtergerechte Sprache in Politik, Wissenschaft und den Newsrooms heute? Wie wirkt sie an der Gestaltung einer diskriminierungsfreien Gesellschaft mit? Eine Diskussion mit Fachleuten aus Medien, öffentlicher Verwaltung und Forschung ging diesen Fragen im Rahmen der digitalen Konferenz «Critical Gender and Diversity Knowledge» auf den Grund.

23. November 2020. Niemanden auszuschliessen ist das Ziel einer geschlechtergerechten, inklusiven Sprache. Sprache schafft Wirklichkeit und diese wiederum prägt die Sprache, so das Credo des Konstruktivismus. Sprachleitfäden können dabei helfen; wie diese als Werkzeuge entstehen und wirken, diskutierten vier Fachleute aus verschiedenen Feldern während der Konferenz «Critical Gender and Diversity Knowledge». Moderiert wurde die Diskussion von PD Dr. Christa Binswanger, Leitung Fachbereich Gender und Diversity, Universität St.Gallen und Ursina Anderegg, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern, Universität Bern.

Widerstände bei Einführung neuer Sprachregelungen

Dr. Sonja Dudek, Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung (LADS), Leitung des Referats Diversity und Chancengleichheit, Berlin gewährte Einblick in die Debatte eines grossen institutionellen Rahmens. Die Berliner Senatsverwaltung entwickelte einen Sprachleitfaden, um Schriftstücke, Bilder und Öffentlichkeitsarbeit inklusiv zu gestalten. «Da davon auszugehen war, dass eine inklusive Sprachregelung auf keine breite Zustimmung innerhalb der Verwaltung stossen würde, schufen wir zunächst eine gemeinsame Wissensbasis zu der Frage, wie Sprache wirken kann», berichtete Sonja Dudek. Als der Sprachleitfaden schliesslich verabschiedet und öffentlich vorgestellt wurde, waren die Reaktionen nach polemischen Medienberichten sehr emotional. «Wir wussten bereits von Städten wie Freiburg im Breisgau und Hannover, dass der öffentliche Diskurs neuer Sprachregelungen von Shitstorms begleitet werden kann. Dennoch wollten wir die öffentliche Meinung einbeziehen.» Skurril erschien Sonja Dudek, dass in der Berichterstattung teils von «Zensur und Gesinnungspolizei» die Rede war. Der öffentliche Dialog wiederum war von aggressiven Rückmeldungen geprägt. Anders gestaltete die Universität Wien die Einführung eines geschlechtergerechten Sprachleitfadens: Sie überliess das Thema nicht der öffentlichen Diskussion und beantwortete keine Medienanfragen.

Das Binnen-I: Eine Schweizerische Erfindung provoziert in den 80ern

Welche Diskussionen medienschaffende Redaktionen führen, berichtete David Hunziker, Journalist bei «Die Wochenzeitung», kurz WOZ. Einst Pionierin in der Umsetzung des sogenannten Binnen-I, ist die Zeitung WOZ heute durch die Frage nach der Repräsentation non-binärer Personen gefordert. 1983 führte die WOZ als erste deutschsprachige Zeitung die inklusive Sprachregelung ein. Als Erfinder des Schweizerischen Binnen-I gilt Christoph Busch; er erklärte das Binnen-I als eine erwachsene Version des «/i». 1987 startete die Zeitung das Experiment einer «feminisierten WOZ». Augenzwinkernd wurden in dieser Zeit Begriffen wie «Militärbasen» auch Cousins zur Seite gestellt («…die Vettern sind mitgemeint»). «Es war ein politisches Statement und ein Experiment, das die Leserinnenschaft zum Teil herausforderte.» In den 80er Jahren konnte man mit dieser Sprache avantgardistisch provozieren. Die Universität Leipzig folgte dem Beispiel und nutzt das generische Femininum bis heute. Dort wiederum fühlen sich Studenten nun sprachlich ausgeschlossen. Aktuell verwenden die auflagenstärksten Zeitungen (Tages-Anzeiger, NZZ und Blick) das generische Maskulinum oder die Doppelnennung. Sprachliches «Anti-Gendering», eine weitere mediale Strömung, stützt sich meist auf Argumente der Ästhetik und lieb gewonnener Gewohnheiten ab.

Binäres Geschlechterverständnis noch immer vorherrschend

Joèlle Ochsner, Bachelor-Studentin an der Universität St.Gallen, berichtete aus ihrer Bachelor-Arbeit zur Umsetzung inklusiven Sprachgebrauchs an Universitäten. Sie hat verschiedene Sprachleitfäden von Hochschulen in der Schweiz miteinander verglichen und festgestellt, dass meist Formen der Neutralisierung verwendet werden oder Differenzierungen wie «Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter». «Wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, dass das Geschlechterverständnis an Universitäten noch immer stark binär geprägt ist. Es wäre interessant, die Frage nach Raum für Geschlechtervielfalt nochmals separat genauer zu untersuchen», sagte Joèlle Ochsner. «Universitäten fürchten die Diskussion um gendergerechte Sprache, da sie um das Emotionalisierungspotenzial wissen», ergänzte HSG-Gender-Expertin Christa Binswanger: «Konflikte in Bezug auf Sprachregelungen werden im universitären Kontext gern gemieden.»

Fazit der Diskussion: Gendergerechte Sprache entsteht im öffentlichen Dialog und hat das Ziel, allen Menschen einen Platz in der sprachlich gespiegelten Wirklichkeit zu geben. Es geht darum, alle Menschen so zu repräsentieren, wie sie sich selbst auch sehen. Der Entstehungsprozess ist politisch und in allen Bereichen oder Branchen auch von Widerständen geprägt. Die mediale Rezeption ist häufig von Polemik geprägt. Menschen, die sprachliche Veränderung als negativ empfinden, setzen sich meist nicht inhaltlich mit den Themen auseinander, sondern reagieren in Rückmeldungen rein emotional. «Wenn keine Bereitschaft für einen Perspektivwechsel besteht, wirkt bisweilen auch die Vorgabe: Diese sprachliche Form ist nun richtig. Und diese ist falsch», sagte Sonja Dudek mit Blick auf die Umsetzung des Sprachleitfadens im Land Berlin. Wer geht voran, wer hat die Deutungshoheit? Sind es Medien oder Sprachleitfäden in Konzernen und staatlichen Verwaltungen oder Universitäten? «Alle gesellschaftlichen Veränderungen brauchen Geduld», sagte David Hunziker abschliessend. «Den langen Schnauf sind wir uns gewöhnt in der Schweiz, wir bleiben dran», ergänzte Christa Binswanger. «Sprache ist auch Kreativität. Wir können den gesellschaftlichen Wandel auch sprachspielerisch mitgestalten. Mehr Offenheit statt Polemik täte der sprachlichen Weiterentwicklung in jedem Fall gut», so ihr Schlussvotum.

Digitale Konferenz «Critical Gender and Diversity Knowledge»

Die Konferenz «Critical Gender and Diversity Knowledge» diskutierte Fragen der Wissensbildung in der Gender- und Diversitätsforschung, der Gleichstellungspolitik und des Diversitätsmanagements. Die Digital-Transfer-Konferenz des Think Tank Gender & Diversity hatte zum Ziel, Diskussionen über aktuelle Probleme und Methoden der Wissensbildung in verschiedenen spezifischen Kontexten zu kritischem Gender- und Diversitätswissen zu initiieren. Die Veranstaltung ist ein Forum des Austauschs zwischen Wissenschaft, Bildung, Politik, Wirtschaft, Medien, und Kunst.

Bild: Adobe Stock / Michail Petrov

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