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Forschung - 27.03.2026 - 14:29 

Betriebliche Gesundheitsmassnahmen senken Krankheitstage kaum

Firmen investieren in Fitnesskurse, Stresscoachings oder Ernährungsangebote, damit Beschäftigte gesünder bleiben und seltener ausfallen. Eine neue Übersichtsarbeit der Universität St. Gallen zeigt nun: Bei den Krankentagen ist der Effekt solcher Massnahmen insgesamt überraschend klein und ungewiss – wirtschaftlich könnten sich solche Angebote aber trotzdem lohnen.

Gesundheitsprobleme kosten Unternehmen und Volkswirtschaften viel Geld. Das liegt nicht nur an Fehlzeiten, sondern auch daran, dass viele Menschen trotz Beschwerden arbeiten und dann weniger leisten – Fachleute nennen das Präsentismus. Angesichts von Stress, psychischen Belastungen, körperlichen Beschwerden und Fachkräftemangel setzen viele Arbeitgeber auf freiwillige Gesundheitsmaßnahmen im Betrieb, etwa Bewegungsprogramme, Achtsamkeitstrainings, Ernährungsangebote oder Workshops zum Arbeitsklima.

Eine Studie der School of Medicine der HSG (MED-HSG) wollte klären, welche dieser Interventionen tatsächlich Krankheitsausfälle senken und ob sie sich für Unternehmen finanziell rechnen. Für die systematische Übersichtsarbeit wertete das Forschungsteam Studien aus, die zwischen 2004 und 2024 in OECD-Ländern veröffentlicht worden waren. Von 2624 Treffern gingen schliesslich 23 Studien in die Meta-Analyse ein. 

Massnahmen zur psychischen Gesundheit und Stressabbau wirken am meisten

Unterm Strich fiel die Bilanz gemischt aus. Über die ausgewerteten Studien hinweg sank die Zahl der Krankheitstage nicht statistisch signifikant; im Durchschnitt waren es nur 0,18 Tage weniger pro Beschäftigtem und Jahr bei einer hohen Unsicherheit dieses Wertes. Beim finanziellen Ertrag zeigte sich dagegen eine positive Tendenz: Pro investiertem Euro ergab sich im Mittel ein geschätzter Return on Investment (ROI) von 1.92 Euro – allerdings ist auch dieser Wert mit einer hohen Unsicherheit belastet. Eindeutiger wirkten sich einzig die Massnahmen zur psychischen Gesundheit und zum Stressabbau aus: Sie waren die einzige Interventionsgruppe mit einem statistisch signifikant positiven ROI von 2.99 Euro. 

Gezieltere Massnahmen gefordert

Für Unternehmen heisst das vor allem: «Nur auf Krankentage zu schauen, greift zu kurz», sagt Jonas Backes von der MED-HSG, der an der Studie mitgewirkt hat. Die Forschenden vermuten, dass sich der wirtschaftliche Nutzen vieler Programme eher darin zeigt, dass Beschäftigte trotz Beschwerden produktiver arbeiten – also weniger Präsentismus. Prof. Dr. Alexander Geissler von der MED-HSG rät ausserdem: «Gesundheitliche Massnahmen sollten gezielter auf tatsächliche Belastungen im Betrieb zugeschnitten und Führungskräfte wie Beschäftigte stärker in den Entwurf und die Umsetzung einbezogen werden.» Um die Wirkung von betrieblichen Gesundheitsmassnahmen wissenschaftlich besser beurteilen zu können, bräuchte es aber einheitlichere Evaluationen, eine direktere Erfassung von Präsentismus, längere Nachbeobachtungszeiten und mehr Evidenz ausserhalb von OECD-Ländern.

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