Hintergrund - 07.05.2026 - 16:15
Am 6. und 7. Mai 2026 trafen sich internationale Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an der Universität St.Gallen, um über das Thema «Disrupted Age» zu diskutieren. Viele Veranstaltungen des Symposiums befassten sich mit einer zerrütteten Weltordnung. Wissenschaftler:innen der Universität referierten zu Themen wie China, KI, soziale Ordnung, Lebensgestaltung und Longevity.
China setzt verstärkt auf KI und Zukunftsbranchen und integriert seine technologischen Fähigkeiten in den Industrie- und Dienstleistungssektor, wodurch es die globale Wirtschaftsdynamik nachhaltig prägt. Wenn China so grosse Fortschritte macht, wie kann sich die EU positionieren, um davon zu profitieren?
Der Direktor des HSG China Competence Center, Tomas Casas Klett, äusserte sich dazu wie folgt: «Chinas Ansatz, Wachstum durch kontinuierliche Strukturreformen zu steuern, fördert eine nachhaltige Wertschöpfung.» Er merkte an, dass der 15. Fünfjahresplan für den Zeitraum 2026 bis 2030 in diesem Licht betrachtet werden könne. Er ziele darauf ab, sicherzustellen, dass China erheblich vom Zeitalter der KI profitiert.
Er erklärte zudem, dass die Schweiz und ihre Unternehmen einen fruchtbaren Austausch und Geschäftsbeziehungen mit China pflegen, wie aus der jüngsten Swiss Business in China Survey hervorgeht. Die Erfahrungen der Schweiz in China bieten wertvolle Anhaltspunkte. Sie zeigen, wie Europa eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehung zu China nutzen kann, um sein eigenes Wachstum voranzutreiben.
In der Veranstaltung Return of the Kings diskutierte die HSG-Assistenzprofessorin Eri Bertsou mit dem deutschen Philosophen Peter Sloterdijk über das weltweite Wiederaufleben einer personalisierten politischen Führung. Bertsou reflektierte über die Rückkehr des sichtbaren «Prinzen», auf den sich die Nachkriegsdemokratien lange gestützt haben. Ausgehend von Forschungen zu politischem Verhalten und demokratischer Legitimität untersuchte sie, was verloren gehen könnte, wenn sich die Autorität von institutioneller Expertise hin zu personalisierter Führung verlagert. Bertsou warf eine grundlegendere Frage auf: Liegt die Herausforderung darin, dass die Bevölkerung der Institutionen überdrüssig wird, oder darin, dass die Institutionen nicht mehr als förderlich wahrgenommen werden?
In der Podiumsdiskussion von Prof. Oliver Gassmann mit dem Titel Europe Unplugged – Is Digital Sovereignty More Than Cloud Dreams? wurde die wachsende Bedeutung der digitalen Souveränität in einer zunehmend fragmentierten geopolitischen und technologischen Landschaft beleuchtet.
Gassmann leitete die Debatte ein. Er wies auf ein grundlegendes Paradoxon hin: «Europa hat enorm von Offenheit und globaler Technologieintegration profitiert – strebt nun aber nach mehr Souveränität. Die zentrale Frage ist, ob wir versuchen, die Globalisierung risikofreier zu gestalten oder sie umzukehren.»
Er hob zudem strukturelle Herausforderungen innerhalb des europäischen Innovationsökosystems hervor.
«Europa reguliert Technologie ausserordentlich gut, hat aber Schwierigkeiten, globale Technologieführer aufzubauen», stellte Gassmann fest. Er unterstrich zudem Europas Abhängigkeit von aussereuropäischen Anbietern. 70 % des europäischen Cloud-Geschäfts werden von den US-Unternehmen Microsoft, AWS und Google bereitgestellt. Es gibt auch kein europäisches Unternehmen, das Chips auf dem Niveau von Nvidia herstellt.
Prof. Dietmar Grichnik nahm an einer Podiumsdiskussion zum Thema Longevity teil. Unter dem Titel Reprogramming Life – The Technology Powering the Longevity Revolution forderte er das Publikum auf, vermarktete Versprechen nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verwechseln. Gleichzeitig stellte er fest, dass die Beweise allein nicht ausreichen. Es müsse auch berücksichtigt werden, inwieweit die Massnahmen für den Einzelnen geeignet sind oder nicht. Er sagte: «Die wichtigste Massnahme zur Förderung der Langlebigkeit könnte kritisches Denken sein: zu fragen, was bewiesen ist, was individuell angepasst ist und was lediglich versprochen wird.»
In der Session Shaping the Future of Cross-Generational Dialogue erörterte HSG-Assistenzprofessor Sebastian Kernbach, wie ein sinnvoller Dialog zwischen den Generationen in Zeiten von Konflikten gestärkt werden kann. Kernbach berichtete von seinen Erfahrungen als Forscher und Experte im Bereich Lebensgestaltung. Er wies darauf hin, dass sich die Gesellschaft zwar rasch wandelt, die meisten Menschen jedoch schlecht gerüstet sind, um berufliche und lebensbezogene Übergänge zu meistern. In seiner Forschung und seinem jüngsten Buch untersucht er, wie Menschen die Denkweise entwickeln können, Übergänge aktiv zu gestalten, anstatt nur auf sie zu reagieren.
