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Forschung - 06.03.2026 - 10:00 

Arbeitsbelastung erwerbstätiger Eltern – sind männliche Chefs im Vorteil?

Unterstützung in Arbeitsteams ist selten neutral. Gemäss einer Studie unter der Leitung von HSG-Professorin Jamie Gloor erhalten männliche Führungskräfte bei familiären Verpflichtungen deutlich mehr freiwillige Unterstützung als ihre weiblichen Kolleginnen. Kleine Gesten im Berufsalltag verstärken den «Fatherhood Bonus». Und zementieren die «Motherhood Penalty». Diese Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die Gleichstellungsdebatte, die der Internationale Frauentag erneut aufgreift.

In der Studie «More Motivated to Help Male Leaders? Explaining Fatherhood Bonuses via Follower Helping» analysieren die Forschenden Alltagsdynamiken, welche erklären, warum männliche Führungskräfte trotz vergleichbarer Positionen, familiärer Verpflichtungen und Arbeitsbelastung oft mehr Unterstützung erhalten als ihre weiblichen Kolleginnen. 

Prof. Jamie Gloor

Vom Vorteil zum «Fatherhood Bonus» 

Bereits ältere Befunde zeigten, dass Männer nach der Geburt eines Kindes häufig einen «Fatherhood Bonus» erhalten: Sie gelten als engagierter und erhalten eher Anerkennung und Karrierechancen als Frauen, bei denen häufiger angenommen wird, dass sie beruflich zurückstecken, um familiäre Aufgaben zu übernehmen. Die neue Studie hinterfragt, warum das so ist, und deckt einen Mechanismus auf, der im alltäglichen Verhalten vieler Mitarbeitender wurzelt.

Hilfe als nicht erwarteter Mechanismus der Ungleichheit in Teams 

Die Forschenden analysierten Daten aus drei miteinander verbundenen Studien mit rund 1200 Teilnehmenden. Das Ergebnis: Mitarbeitende sind eher motiviert, Führungskräften zu helfen, wenn sie wahrnehmen, dass diese unter Work-Family-Konflikten leiden. Diese Hilfsbereitschaft ist gegenüber männlichen Führungskräften stärker ausgeprägt als gegenüber weiblichen.

Laut Jamie Gloor, Studienleiterin und Professorin für Leadership und Diversity Science an der Universität St.Gallen, liegt ein Grund dafür in hartnäckigen, traditionellen Rollenbildern darüber, wie Männer und Frauen wahrgenommen werden: «Wenn ein Mann zeigt, dass er unter Stress steht (oder unter einem 'Work-Family-Konflikt', wie wir ihn hier untersucht haben), weicht das von den Erwartungen anderer hinsichtlich der Beteiligung von Männern an Betreuungs- und Sorgeaufgaben ab, während derselbe Stress bei Frauen eher als 'normal' angesehen wird. Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Abweichung Mitarbeitende dazu motiviert, stärker helfen zu wollen – oft mehr, als sie es bei weiblichen Führungskräften tun würden.»

Genau diese «gut gemeinte» Hilfe kann bestehende Ungleichheiten verstärken. Wenn männliche Führungskräfte mehr Unterstützung erhalten, kann ihr Stress sinken, während gleichzeitig ihre Sichtbarkeit und ihr Erfolg steigen – also genau in jenen Bereichen, in denen Frauen häufig übersehen werden.

«Soziale Dynamiken am Arbeitsplatz sind mächtig. Und oft unbewusst. Obwohl wir helfen, weil wir helfen wollen, wird unser Unterstützungsverhalten durch tief verankerte Erwartungen über Männer und Frauen geprägt.»
Prof. Jamie Gloor, Studienleiterin und Professorin für Leadership und Diversity Science an der Universität St.Gallen

Im Kontext der öffentlichen Debatte 

Schweizer Medien berichten häufig über stagnierende Fortschritte bei der Gleichstellung im Arbeitsmarkt, insbesondere wenn es um die Vereinbarkeit von Karriere und Familie geht. Diverse Studien zeigen, dass Frauen weiterhin häufiger berufliche Kompromisse eingehen müssen, während Männer von strukturellen Vorteilen profitieren. Darüber berichtete kürzlich auch SRF.  

Jamie Gloor selbst hat sich in verschiedenen Beiträgen zu verwandten Themen geäussert – etwa zur Geschlechterlücke im Arbeitsmarkt oder zu Effekten von Elternschaft beziehungsweise auch zur Erwartung möglicher Elternschaft, dem sogenannten «Maybe-Baby-Effekt», der dazu führen kann, dass weibliche Talente im Berufsleben seltener berücksichtigt werden. Sie argumentiert, dass nicht nur Regeln und Strukturen für langfristigen Fortschritt bei der Gleichstellung entscheidend sind, sondern auch alltägliche Interaktionen darüber bestimmen, wer sichtbar ist und wer übersehen wird. 

Was bedeutet das für Unternehmen? 

Die Studie verdeutlicht: Gleichstellung ist mehr als formale Gleichbehandlung. Unternehmen sollten sowohl formale Richtlinien, etwa bei Elternzeitregelungen, als auch die informelle Unternehmenskultur prüfen, beispielsweise bei freiwilligen Unterstützungsnetzwerken. Werden Mütter ebenso schnell unterstützt wie Väter? Zum Internationalen Frauentag lädt diese Forschung dazu ein, genauer hinzusehen: Gut gemeinte Unterstützung am Arbeitsplatz kann Fortschritt für Gleichstellung ermöglichen – vorausgesetzt, sie wird ausgewogener verteilt. 


Die Studie «More Motivated to Help Male Leaders? Explaining Fatherhood Bonuses via Follower Helping» steht online zum Download zur Verfügung. Zum Autorenteam gehören Prof. Jamie Gloor (Universität St.Gallen), Prof. Susanne Braun (Durham University Business School), Prof. Jenny Hoobler (Nova School of Business & Economics), Dr. Huong Pham (Technische Hochschule Ingolstadt) und Prof. Claudia Peus (Lehrstuhl für Forschungs- und Wissenschaftsmanagement, Technische Universität München (TUM)).

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