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Leute - 23.01.2018 - 00:00

Zum Tod von Hans Christoph Binswanger

Hans Christoph Binswanger war seit 1957 in Lehre und Forschung an der Universität St.Gallen tätig. Am 18. Januar 2018 ist er verstorben. Ein Nachruf von Ernst Mohr.

23. Januar 2018. Hans Christoph Binswangers Schaffen war seiner Wissenschaft, der Volkswirtschaftslehre, stets um Dekaden voraus.  Seine Arbeit zu den natürlichen Grundlagen des Wirtschaftens machten ihn zum Doyen der gesamten deutschsprachigen Umweltökonomie. Heute würde man seinem Werk zur Geldwirtschaft das moderne Etikett der «Behavioral Finance» umhängen. Seit der Finanzkrise wieder atemberaubend aktuell ist z.B. seine «Wachstumsspirale», in der er prognostizierte, dass bei Nullzinsen die Wirtschaft nicht mehr gedacht werden kann, wie man es bis anhin gewohnt war zu tun. Seine dogmengeschichtliche Auseinandersetzung mit der Neoklassik machte ihn zu einer Instanz für die alternative Ökonomik.

Seinen intellektuellen Stil kann man mit einem Wort beschreiben: authentisch. Er lebte nicht nur, was er schrieb und lehrte, sondern es zeigte sich er in seinem Tun. Aufgewachsen in der schweizerisch-deutschen Boheme am Bodensee war Toleranz für ihn nie Norm, sondern gelebtes Bekenntnis. Nie zeigte seine humorvolle Kritik an der wissenschaftlichen Praxis auch nur einen Hauch Verbissenheit. Seine Nähe zur Kunst zeigte sich in dem, wie er wissenschaftlich argumentierte. Das Götzenhafte an der Geldwirtschaft fand er metaphorisch in der Weltliteratur vorhergesagt. Kulturelles Wissen ersetzte für ihn Zahlenhuberei. Er war stets mehr als seine Arbeit allein, aber seine akademische Arbeit war stets ganz er.

Hans Christoph Binswanger lehrte und forschte an der Universität St.Gallen und blieb ihr sein Leben lang aufs Engste verbunden. Wir durften ihn noch bis vor Kurzem in der Bibliothek bei einem Kaffee mitten unter Studierenden an seinen Manuskripten schreibend treffen. Körperlich vom Alter schon gezeichnet, nahm er bis zuletzt mit klarem Geist und leuchtenden Augen am wissenschaftlichen Leben teil. Im Alter von 88 Jahren ging ein ökonomischer Humanist und humaner Ökonom.

Bild: Hans Christoph Binswanger spricht zum Thema «Chinesische Ökonomie», 06.06.1997.

Prof. em. Dr. Hans Christoph Binswanger – Zur Person
Hans Christoph Binswanger war seit 1957 in Lehre und Forschung an der Universität St.Gallen tätig – zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ab 1969 als Ordinarius für Volkswirtschaftslehre. Von 1977 bis 1979 wirkte er als Vorstand der Volkswirtschaftlichen Abteilung. Als geschäftsführender Direktor der Forschungsgemeinschaft für Nationalökonomie (FGN-HSG) war er von 1980 bis 1992 tätig, anschliessend war er Direktor des von ihm neugegründeten Instituts für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG). Zudem war er zuständig für die engen Kontakte zur Wirtschaftsuniversität Wien. 1995 wurde er von ihr zum Ehrensenator ernannt.
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