Forschung - 22.01.2026 - 13:00
Angesichts einer weltweit alternden Bevölkerung und der Zunahme chronischer Krankheiten stehen die Gesundheitssysteme vor immensen finanziellen Herausforderungen. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der über 60-Jährigen voraussichtlich verdoppeln. Vor diesem Hintergrund wird «Gesundes Altern» – die langfristige Aufrechterhaltung des Wohlbefindens – zur zentralen Zukunftsaufgabe. Obwohl Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Konzepte für diesen demografischen Wandel vorgeben, blieb bislang unklar, welche Schwerpunkte in der Praxis tatsächlich gesetzt werden. Die aktuelle Studie zielte darauf ab, diese Prioritäten zu kartieren und strategische Lücken sichtbar zu machen.
Das Forschungsteam analysierte die thematischen Schwerpunkte von 56 globalen Schlüsselakteuren im Jahr 2024. Das Spektrum reichte von Regierungsbehörden und multilateralen Organisationen (wie WHO und UNO) über Unternehmen aus dem Longevity-Sektor bis hin zu Forschungseinrichtungen. Gut die Hälfte der untersuchten Akteure (52 %) ist in den USA ansässig, gefolgt von Europa (30 %), Asien (11 %) und weiteren Regionen.
Die Analyse der vier definierten Hauptkategorien verdeutlicht eine klare Hierarchie der Prioritäten:
Besonders eklatant sind die Lücken in den Unterkategorien: Initiativen gegen Einsamkeit machten lediglich rund 2 Prozent der untersuchten Wertversprechen aus; der öffentliche Nahverkehr – eine Grundvoraussetzung für die Mobilität im Alter – wurde sogar nur in einem Prozent der Fälle als Schwerpunkt genannt.
An der Studie wirkten Prof. Dr. Elgar Fleisch und Prof. Dr. Tobias Kowatsch vom Institut für Technologiemanagement der HSG (ITEM-HSG) mit. Tobias Kowatsch sieht den starken Fokus der Akteure auf die reine Versorgung kritisch: «Gesundes Altern wird derzeit zu eng durch die medizinische Brille betrachtet. Wir investieren viel Energie in Versorgung und Medizin, aber zu wenig in das, was gesundes Altern im Alltag trägt: soziale Teilhabe und ein unterstützendes Umfeld.»
Auch Elgar Fleisch sieht in den Ergebnissen ein strukturelles Defizit gespiegelt. Er verweist darauf, dass lediglich 3 Prozent der Ausgaben im Gesundheitssystem in die Prävention fliessen, obwohl 80 Prozent der Kosten durch chronische Krankheiten verursacht werden, die grösstenteils verhinderbar wären. «Die steigende Bedeutung der Gero-Wissenschaft liest sich positiv, der Rest leider weniger», resümiert Fleisch. «Das medizinische Wissen zur Prävention wäre vorhanden, aber das Modell beziehungsweise der Business Case fehlt.»
Weitere Beiträge aus der gleichen Kategorie
Das könnte Sie auch interessieren
Entdecken Sie unsere Themenschwerpunkte
