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Forschung - 21.07.2022 - 00:00

Sinnstiftung ist auch Führungssache

Den Sinn des Lebens – oder zumindest einen Teil davon – suchen Mitarbeitende auch häufig in ihrer Arbeit. Wer ihn findet, zeigt mehr Einsatz. Das zeigen verschiedene Studien auf. Welche Rolle die Einstellung und das Verhalten von Führungskräften dabei spielt, hat eine Forschungsarbeit unter Mitwirkung der Universität St.Gallen (HSG) untersucht.

21. Juli 2022. In der heutigen, von Disruption und hoher Spezialisierung geprägten Arbeitswelt fällt es vielen Menschen schwer, während ihrer beruflichen Tätigkeit Sinn zu erfahren. Ob dies gelingt, hängt auch davon ab, ob Mitarbeitende das Gefühl entwickeln, mit ihrer Arbeit zu einem grösseren Ganzen beizutragen. Diesen Sinnfindungsprozess können Führungskräfte entscheidend beeinflussen, wie eine neue Studie des Instituts für Führung und Personalmanagement (IFPM-HSG) in Zusammenarbeit mit Forschenden weiterer Universitäten* aufzeigt. Grundvoraussetzung dafür ist – ganz intuitiv –, dass die Leitungsperson selbst einen Sinn in ihrer Arbeit sieht. 

Der Führungsstil ist entscheidend

Damit sich dieser Sinn vom Vorgesetzten aber auch auf die Angestellten überträgt, ist der Führungsstil ausschlaggebend. Das Stichwort hier lautet visionäre Führung. Laut der Studie neigen Vorgesetzte, die ihre Arbeit als sinnvoll erachten, auch automatisch häufiger zu diesem Führungsverhalten. «Visionäre oder auch inspirierende Führung zeigt Mitarbeitenden den Sinn ihrer Tätigkeit auf. Sie werden dadurch emotional angesprochen», erklärt Prof. Dr. Heike Bruch vom IFPM-HSG. Besonders inspirierend wirke in der Praxis, wenn Führungskräfte ein konkretes Bild der Zukunft zeichnen, eine Vision, und dabei die höhere Bedeutung aufzeigen, etwa den Beitrag der Arbeit für die Zukunft des Unternehmens, die Kund:innen und/oder die Gesellschaft. «Gerade in einer Welt im Umbruch, ist der Sinn der Arbeit für die Menschen besonders wichtig. Und dieser Sinn kann durch inspirierende Vorgesetzte verstärkt oder bewusst gemacht werden.»

Neue Mitarbeitende sind beeinflussbarer

Wie stark dieser Effekt ist, hängt aber auch von der Dauer des Arbeitsverhältnisses zwischen Führungskraft und Angestellten ab. Wenn die Zusammenarbeit eher frisch ist, hat die Führungskraft mehr Einfluss auf das Sinnempfinden des Untergebenen, als wenn das Verhältnis bereits länger andauert. In der Stichprobe der Studie konnte die visionäre Führung nach ungefähr fünf Jahren keinen zusätzlichen Nutzen für das Sinnerleben der Mitarbeitenden mehr bieten. «Basierend auf der Selbstkonzepttheorie gehen wir davon aus, dass gerade zu Beginn der Zusammenarbeit die visionäre Führung wertvolle und neue Informationen für das Sinnerleben der Mitarbeitenden bereithält. Sie können diese Informationen nutzen, um zu verstehen, wer sie bei ihrer Arbeit sind und welchen Beitrag sie durch ihre Arbeit leisten.» erläutert Prof. Dr. Petra Kipfelsberger vom IFPM-HSG. Mit zunehmender Zeit der Zusammenarbeit nehme dieser Einfluss jedoch ab, da das Selbstkonzept und Selbstverständnis der Angestellten sich über die Zeit stabilisieren und sie weniger in ihrem Sinnerleben beeinflussbar sein würden.

Das Sinnerleben steigert die Leistung

Die Studie bestätigt schliesslich, dass Vorgesetzte mit starkem Sinnempfinden über den visionären Führungsstil schliesslich auch die Leistung ihrer Mitarbeitenden steigern können und es unter ihnen zu weniger Fluktuationen kommt. Für Prof. Dr. Heike Bruch liefert die Forschungsarbeit folgende Schlüsselerkenntnis für Unternehmen: «Führungskräfte können nur dann inspirierend führen, wenn sie selbst ein starkes Sinnempfinden haben. Angesichts der sehr turbulenten und für Leitungspersonen oft sehr fordernden Zeiten ist ein wesentlicher Ansatzpunkt zunächst, durch Selbstführung, Coaching oder andere Wege den Sinn der (Führungs-)Arbeit zu stärken.»

*An der Studie beteiligten sich neben der HSG auch die Universität Navarra in Spanien, die Universität Amsterdam und die Bar-Ilan-Universität in Israel.

Bild: Adobe Stock / Flamingo Images

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