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Forschung - 17.02.2026 - 11:00 

Nachhaltigkeit im Luftverkehr: Wie realistisch ist der Einsatz von Sustainable Aviation Fuel (SAF) bei Geschäftsreisen?

Der Luftverkehr spielt eine bedeutende Rolle bei den globalen CO₂-Emissionen. Insgesamt verursachen Flugreisen rund 2,5 % des weltweiten CO₂-Ausstosses. Sie sind nach wie vor sehr gefragt als schnelle Fortbewegung und tragen mit etwa 6 % zur globalen Erwärmung bei. Mit dieser Entwicklung befasst sich die jüngste Studie von HSG-Professor Andreas Wittmer.

Professor Wittmer, die Luftfahrtindustrie dürfte im Jahr 2025 nahezu 950 Millionen Tonnen CO₂ ausgestossen haben. Was genau hat Ihre Studie untersucht? 

Professor Andreas Wittmer: Die Studie mit dem Titel «Corporate decisions on sustainable aviation fuel: the cost-sustainability dilemma in business travel» (auf Deutsch: «Unternehmensentscheidungen zu nachhaltigem Flugtreibstoff: das Dilemma zwischen Kosten und Nachhaltigkeit bei Geschäftsreisen») beschäftigt sich mit CO₂-Emissionen und alternativen Treibstoffen in der Luftfahrt. Denn Flugreisen verursachen erhebliche Mengen an Kohlendioxid und tragen damit zum Klimawandel bei. 

Wir haben uns gezielt auf Geschäftsreisen konzentriert, da sie rund 17 % der Emissionen der kommerziellen Luftfahrt ausmachen. Das ist zwar nicht die Mehrheit, aber dennoch bedeutsam, dies vor allem aus zwei Gründen: 

  • Eine kleine Gruppe besonders häufiger Geschäftsreisender verursacht einen überproportional grossen Anteil der Emissionen. 
  • Viele Unternehmen haben sich inzwischen ambitionierte Klimaziele gesetzt, etwa Netto-Null-Emissionen. 

Was ist SAF – und welche Wirkung kann es auf Emissionen und Flugreisen haben? 

Sustainable Aviation Fuel (SAF) ist eine klimafreundlichere Alternative zu herkömmlichem Kerosin. Es kann hergestellt werden aus: 

  • gebrauchtem Speiseöl, 
  • pflanzlichen Rohstoffen, 
  • abgeschiedenem Kohlendioxid in Kombination mit erneuerbarem Strom (synthetischer Treibstoff). 

Über den gesamten Lebenszyklus hinweg kann SAF die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu fossilem Kerosin um bis zu 80 % senken. Die International Air Transport Association schätzt, dass SAF rund 65 % der Emissionsreduktionen liefern könnte, die erforderlich sind, damit die Luftfahrt bis 2050 Netto-Null-CO₂ erreicht. Voraussetzung dafür wäre allerdings eine massive Ausweitung der Produktionskapazitäten. 

Ist der Umstieg auf SAF also naheliegend? 

So einfach ist es nicht. SAF ist deutlich teurer als konventionelles Kerosin und derzeit nicht in ausreichender Menge beziehungsweise nicht überall verfügbar. 

Was genau hat Ihre Studie untersucht? 

Wir haben Nachhaltigkeitsverantwortliche in Unternehmen befragt, also jene Personen, die Strategien zur Emissionsreduktion entwickeln und umsetzen. Den Teilnehmenden wurden unterschiedliche SAF-Optionen vorgelegt. Diese variierten hinsichtlich: 

  • Preis, 
  • SAF-Anteil im Treibstoffmix (20 bis 100 %), 
  • Zertifizierung (Nachweis der Nachhaltigkeit), 
  • Art des Kraftstoffs (biobasiert oder synthetisch), 
  • Beschaffungsmodell (pro Flug oder im Paket), 
  • Reiseklasse (Economy oder Business). 

Die Befragung bezog sich sowohl auf Kurzstreckenflüge (etwa Zürich–Genf) als auch auf Langstreckenflüge (etwa Zürich–New York). 

Zu welchen Ergebnissen kommen Sie? 

Kurz gesagt: Der Preis ist entscheidend, insbesondere bei Langstreckenflügen war er der mit Abstand wichtigste Faktor. Selbst unter Nachhaltigkeitsverantwortlichen, die sich intensiv mit Klimafragen befassen, zeigte sich eine hohe Kostensensibilität. War der SAF-Aufpreis zu hoch, entschieden sich die Befragten für die günstigere Alternative. 

Bemerkenswert ist jedoch, dass Unternehmen Optionen mit einem höheren SAF-Anteil bevorzugten. Das deutet darauf hin, dass sie eine substanzielle Klimawirkung anstreben – und nicht lediglich symbolische Massnahmen. 

Gab es Unterschiede zwischen Kurz- und Langstreckenflügen? 

Ja. Bei Kurzstrecken waren Unternehmen eher bereit, höhere SAF-Anteile zu finanzieren. Auf Langstrecken hingegen stellte der Preis eine deutlich grössere Hürde dar; sehr teure Optionen wurden klar abgelehnt. 

Das zeigt zweierlei: Erstens besteht ein reales Interesse an SAF und an der Reduktion von CO₂-Emissionen. Zweitens sind – wenig überraschend – die Kosten das zentrale Hindernis. 

Ist die Nutzung von SAF realistisch? 

Grundsätzlich ja, allerdings unter bestimmten Voraussetzungen: 

  • Die Produktionskosten müssen sinken. 
  • Staatliche Anreize oder regulatorische Vorgaben könnten notwendig sein. 
  • Es braucht klare und verlässliche Zertifizierungssysteme. 
  • Fluggesellschaften sollten Möglichkeiten zum gebündelten Einkauf anbieten. 

Unternehmen wollen die Emissionen ihrer Geschäftsreisen senken, stehen jedoch im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeitsanspruch und wirtschaftlicher Verantwortung. SAF könnte eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung des Luftverkehrs spielen, sofern die wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen eine breite Anwendung ermöglichen. 


Die Studie «Unternehmensentscheidungen zu nachhaltigen Flugkraftstoffen: Das Dilemma zwischen Kosten und Nachhaltigkeit bei Geschäftsreisen» wurde verfasst von Dr. Andreas Wittmer, Geschäftsführer des Zentrums für Luft- und Raumfahrt sowie Direktor am Institut für Systemisches Management und Public Governance der Universität St.Gallen, und Dr. Adrian Müller von der Forschungsstelle für Tourismus am Zentrum für regionale Wirtschaftsentwicklung der Universität Bern.


Bild: Adobe Stock / Anton Gvozdikov

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