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Hintergrund - 09.03.2026 - 09:10 

Nach dem Nein zum Klimafonds

Die Schweizer Stimmbevölkerung hat die Klimafonds-Initiative bachab geschickt. Doch die Aufgabe bleibt: Ohne massive Investitionen und politische Antworten wird das Netto-Null-Ziel kaum zu erreichen sein. Eine Einordnung von Prof. Dr. Adrian Rinscheid.

Die argumentativen Klingen über das Für und Wider der Klimafonds-Initiative wurden gekreuzt — nun hat die Stimmbevölkerung entschieden: Einen Klimafonds wird es in der von der Initiative vorgeschlagenen Form nicht geben. Überraschend ist das nicht: Rein statistisch gesehen haben es Volksinitiativen schwer. Von den 113 Volksinitiativen, über die im 21. Jahrhundert bislang abgestimmt wurde, sind gerade einmal 14 von Volk und Ständen angenommen worden. Um eine realistische Chance auf Annahme zu haben, hätte der Initiative ein echter Brückenschlag ins Mitte-Lager gelingen müssen. Zwar unterstützten neben SP und Grünen auch die kleine EVP die Initiative, auf die GLP oder die Mitte konnten die Initianten jedoch nicht zählen. Etwas überraschender ist, dass die Initiative auch ein weiteres Ziel verfehlte: die Aufmerksamkeit der öffentlichen Debatte nachhaltig auf die Herausforderung zu lenken, wie die Schweiz das 2023 vom Stimmvolk beschlossene Netto-Null-Ziel erreichen kann. Laut einer Medienanalyse der Universität Zürich stand die Klimafonds-Initiative im Abstimmungskampf im Schatten der intensiven Debatten zur Individualbesteuerung und der SRG-Initiative.

Die Herausforderungen des Klimawandels bleiben

Warum lohnt es sich dennoch, einen zweiten Blick auf die Anliegen der Initiative zu werfen? Im Gegensatz zu manch anderer Initiative, deren Thema nach einer Ablehnung in der Versenkung verschwand — man denke an die Service-citoyen-Initiative oder die Vollgeld-Initiative — werden uns die Herausforderungen des Klimawandels und der Dekarbonisierung der Volkswirtschaft noch über Generationen hinweg beschäftigen, Abstimmungsergebnisse hin oder her. Das Netto-Null-Ziel lässt sich nur erreichen, wenn es mit den notwendigen Investitionen in den Umbau von Industrie, Infrastruktur, Landwirtschaft und Energie- und Mobilitätssystemen unterfüttert wird. Je schneller und konsequenter uns dieser Wandel gelingt, umso geringer fallen die Folgekosten aus, die für die Anpassung an sich verändernde klimatische Bedingungen zu tragen sind. Doch die bislang getroffenen Massnahmen reichen nicht aus. Ein Beispiel: Die energetische Sanierungsquote im Schweizer Gebäudebestand liegt derzeit bei rund 0,9 % pro Jahr. Studien zeigen jedoch, dass sie auf etwa 3 % jährlich steigen müsste, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Wie eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der Universität St.Gallen zeigt, befürwortet ein Grossteil der Schweizer Mieterinnen und Mieter eine zeitnahe energetische Sanierung und den Einbau erneuerbarer Heizungssysteme. Die Annahme der Klimafonds-Initiative hätte dazu beigetragen, die notwendigen Mittel für die Dekarbonisierung des Gebäudesektors bereitzustellen. Nun müssen andere Wege gefunden werden.

Warum «Netto Null»?

Doch warum braucht es überhaupt Ziele wie «Netto Null»? Der MIT-Professor John Sterman hat dies schon vor mehr als zwei Jahrzehnten anhand eines einfachen Vergleichs erklärt. Wie bei einer Badewanne, deren Wasserhahn wir immer weiter aufdrehen, reichern wir die Atmosphäre unseres Planeten seit Beginn der Industrialisierung mit Treibhausgasen an. Bis zu einem bestimmten Punkt können wir die Wanne mit dem immer schneller einströmenden Wasser problemlos füllen. Doch irgendwann läuft sie über. Dass sich die Erdatmosphäre einem solchen Punkt mit besorgniserregender Geschwindigkeit nähert, hat ein Team von Naturwissenschaftlern in der Fachzeitschrift One Earth erst kürzlich erneut dokumentiert. Damit die Wanne nicht überläuft, müssen wir den Wasserstrom so weit zurückdrehen, dass er im Gleichgewicht mit dem Abfluss ist. Übersetzt: Die Emissionen müssen so stark sinken, bis sie im Gleichgewicht («netto null») mit der Aufnahme, etwa durch Meere und Wälder, stehen. Gelingt dies nicht, droht unser Klima das seit fast 12.000 Jahren bestehende Gleichgewicht zu verlassen, das die Grundlage unserer modernen Zivilisation bildet. Wie die 2025 von MeteoSchweiz und ETH Zürich veröffentlichte Studie «Klimazukunft Schweiz» zeigt, hätte eine globale Erwärmung von 3 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit — wie sie sich aus den derzeit geplanten Emissionsreduktionen ergeben würde — gravierende Auswirkungen auf sämtliche Wirtschaftsbereiche in der Schweiz.

Klimabildung jenseits der Physik: Befähigung zur Entwicklung politischer Lösungen 

Im wissenschaftlichen Diskurs setzen wir oft voraus, dass derart grundlegende Fakten zum Klima bekannt sind. Doch so einfach ist es nicht: Wie neuere Untersuchungen etwa in den Fachzeitschriften Nature Climate Change und Journal of Environmental Management zeigen, bestehen weiterhin erhebliche Lücken in der Klimabildung. Dies unterstreicht den Auftrag, Klima- und Nachhaltigkeitsbildung noch stärker in Bildungseinrichtungen zu verankern.

Mindestens ebenso wichtig wie das Verständnis physikalischer Grundlagen ist es jedoch, den Entscheidungsträger:innen von morgen ein Verständnis für jene gesellschaftlichen Mechanismen zu vermitteln, die wirksame politische Antworten auf den Klimawandel ermöglichen oder verhindern. Denn — wie bereits vielfach gezeigt wurde — liegen die grössten Stolpersteine auf dem Weg zu einer Netto-Null-Wirtschaft weniger in fehlenden Technologien als in den Beharrungskräften von Politik und Gesellschaft. Hier können die Universitäten einen wichtigen Beitrag leisten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei Fragen wie diese: Wie beeinflussen und verengen zentrale Glaubenssätze politischer Überzeugungssysteme — getragen insbesondere von politischen Parteien — den Raum legitimer klimapolitischer Massnahmen? Wie lassen sich Machtasymmetrien zwischen verschiedenen Gruppen überwinden, etwa zwischen kurzfristigen Interessen der Öl- und Gasbranche und den langfristigen Interessen zukünftiger Generationen? Wie prägen politisch-institutionelle Strukturen unsere Fähigkeit, den Ausstieg aus fossilen Technologien zu organisieren — und welche dieser Strukturen gehören auf den Prüfstand? Ziel einer so verstandenen Klimabildung sollte es sein, jenen Anspruchsgruppen, die für den Klimawandel nicht verantwortlich sind, aber seine Folgen tragen müssen, das Rüstzeug zu geben, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten. 

Bei der Abstimmung über den Klimafonds machten die im 21. Jahrhundert geborenen Bürgerinnen und Bürger rund 12 % der Stimmberechtigten aus. Die Annahme der Initiative hätte den jüngeren  und nachfolgenden Generationen ein Instrument an die Hand gegeben, ihre Interessen stärker zur Geltung zu bringen. Nach der Ablehnung der Vorlage stellt sich nun die Frage, auf welchen Wegen die Anliegen jener Generationen besser berücksichtigt werden können, die vom Klimawandel besonders stark betroffen sein werden. Universitäten können eine zentrale Rolle dabei spielen, Antworten zu finden — nicht zuletzt indem sie junge Menschen befähigen, diese Debatten kompetent mitzugestalten.

Adrian Rinscheid ist Professor of Climate Policy & Decision-Making an der School of Economics and Political Science.

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