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Forschung - 09.07.2020 - 00:00

Mobilität in Städten: Robo-Shuttles statt Stau in der Rush-Hour

Wie Städte den Stau in Zeiten der Pandemie eindämmen und Transportkosten sparen können, zeigt eine Untersuchung von HSG und Boston Consulting Group. Selbstfahrende Autos und Mikromobilität könnten den Verkehr entlasten. Für Megacities eignen sich Robo-Taxis besser, während Städte wie Zürich oder Genf von E-Bikes oder Tretrollern profitieren.

 

9. Juli 2020. Die Studie mit dem Titel Can Self-Driving Cars Stop the Urban Mobility Meltdown? von Universität St.Gallen (HSG) und dem Unternehmen Boston Consulting Group (BCG) untersucht und vergleicht den Verkehr in Städten weltweit. «Unsere Forschung zeigt, dass Berlin mit dem Einsatz alternativer Mobilitätskonzepte nicht nur viel Geld sparen, sondern ebenfalls die Verkehrsdichte, Luftverschmutzung und den Energieverbrauch deutlich senken kann», sagt Studienleiter Andreas Herrmann, Professor an der Universität St.Gallen und Direktor des Instituts für Customer Insight.

Jede Stadt braucht ein massgeschneidertes Mobilitätskonzept

Nicht alle Arten von Städten profitieren jedoch gleichermassen von Robo-Taxis, wie die Ergebnisse der Untersuchung zeigen. Für mittelgrosse Städte wie Wien, Berlin oder München seien die Mikromobilität mit E-Bikes und Elektro-Tretrollern sowie der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs die effizientere Lösung, ergab die Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und der Universität St.Gallen (HSG).
 

In dicht gedrängten Megacities wie New York oder Shanghai versprächen dagegen autonome Robo-Shuttles für bis zu 15 Personen den grössten Effekt. Den Studienautoren zufolge stehen gerade diese Städte vor einem Verkehrskollaps. Ohne Gegenmassnahmen würde der globale Verkehr in den nächsten 15 Jahren ungefähr um sechs, der für Autos genutzte Parkraum um etwa acht Prozent steigen.
 

Die Auswirkungen der neuen Mobilitätskonzepte wären nach Einschätzung der Fachleute erheblich. Die Menschen in München könnten nutzbare Flächen in der Grössenordnung eines halben Englischen Gartens gewinnen, Berliner könnten ihre jährlichen Transportausgaben um rund 1,5 Milliarden Euro reduzieren. In New York könnten durch Parkplätze belegte Flächen in sechsfacher Grösse des Central Parks frei werden. Durch den Umstieg auf autonom fahrende Robo-Taxis könnten in London jährlich 15.000 Unfälle und 64 von 112 Unfalltote im Strassenverkehr verhindert werden. Zürich könnte dank autonomer Fahrzeuge rund 80.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Und die Stadt Genf könnte die Transportkosten um mehr als 300 Mio. CHF pro Jahr reduzieren.
 

Parks statt Parkplätze

Für Wien errechneten die Studienautoren, dass durch die Umwidmung von öffentlichen Parkplätzen 32 zusätzliche Stadtparks gewonnen werden könnten. Mit der Abkehr von privaten Fahrzeugen hin zu öffentlichen Angeboten oder dem Einsatz von Mikro-Mobilitätslösungen wie E-Scootern könnten die Wiener bei konsequenter Umsetzung 900 Millionen Euro bei den jährlichen Haushaltsausgaben für Mobilität sparen.
 

Die Experten von BCG untersuchten gemeinsam mit Mobilitätsforschern der Universität St.Gallen die Verkehrsmuster in Städten und simulierten Milliarden von Fahrten mit verschiedenen Beförderungsformen. Sie gehen davon aus, dass die Ausbreitung selbstfahrender Autos auch zwei Jahrzehnte dauern kann – plädieren aber dafür, dass Städte sich frühzeitig darauf einstellen. So sollten die Behörden in Städten wie New York Anreize für die Einführung von Robo-Shuttles statt der weniger effizienten Robotaxis für bis zu fünf Personen oder Robo-Pods für zwei Insassen schaffen. Die Robo-Pods würden zunächst in allen Arten von Städten die Verkehrsbelastung noch vergrössern, ergab die Analyse.

Weniger Autos in den Stadtzentren

Deutsche Grossstädte wie Berlin ordnete die Studie in der Kategorie «kompaktes Mittelgewicht» ein. Hier müssten die Planer zuallererst dafür sorgen, dass weniger Autos in den Zentren unterwegs seien, argumentierten die Forschenden. Da es viele kurze Fahrten auf der sogenannten letzten Meile gebe, sei Mikromobilität die effizienteste Lösung.
 

Bis 2030 leben 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. «Für Stadtplaner ergeben sich dadurch enorme Herausforderungen. Wird hier nichts unternommen, steigen die Einzelfahrzeug-Nutzung und damit das Verkehrsvolumen sowie Umweltbelastung weiter an», sagt Herrmann. Allein in Europa ist die durch Autoverkehr verursachte Luftverschmutzung für Kosten in Höhe von 80 Milliarden Euro pro Jahr verantwortlich. «Ein Umstieg auf neue, nachhaltigere Mobilitätskonzepte ist daher zwingend erforderlich. Robo-Shuttles können der Schlüssel zur Verkehrswende sein», resümiert BCG-Experte Nikolaus Lang.
 

Bild: Pixabay/Pexels

 

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