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Forschung - 07.01.2026 - 10:00 

Führt Selbständigkeit zu mehr Stress?

Der Traum von Autonomie und der Arbeit an leidenschaftlichen Projekten lockt viele Menschen in die Selbstständigkeit. Doch führt die Rolle des eigenen Chefs tatsächlich zu mehr Wohlbefinden oder birgt sie unentdeckte Belastungen? Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung wirft nun neues Licht auf diese Frage.

Bisherige Studien zur Verbindung von Selbstständigkeit und Stress lieferten widersprüchliche Ergebnisse. Ein Hauptproblem bei solchen Untersuchungen war, die Wirkungen der Stressresilienz einer Person von den Stresswirkungen der Selbständigkeit trennen zu können. Menschen, die von Natur aus stressresistenter sind, neigen eher dazu, sich selbstständig zu machen. Dadurch weisen die untersuchten selbständigen Personen bereits einseitige Veranlagungen auf, was es erschwert, die Stresswirkung der selbständigen Tätigkeit isoliert zu untersuchen. Eine internationale Forschungsgruppe, darunter Prof. PhD. Evangelos Souitaris von der School of Management der HSG, konnten dieses Problem in einer neuen Studie umgehen.

Untersuchung mit finnischen und amerikanischen Zwillingen

Um diese Auswahlverzerrung zu überwinden, setzten die Forschenden auf eine Zwillingsstudie. Hierbei wurden zwei unabhängige Untersuchungen mit finnischen und US-amerikanischen eineiigen Zwillingen durchgeführt. Darunter waren auch solche Zwillingspaare, bei welchen einer davon selbständig tätig und der andere angestellt war. Da diese beiden Zwillinge das genau gleiche Erbgut teilen und unter ähnlichen Umweltbedingungen aufwuchsen, konnten die genetischen Veranlagungen und Umweltfaktoren besser kontrolliert werden. Unterschiede im Stresspegel konnten so direkt der Selbstständigkeit zugeschrieben werden. In der Studie mit den finnischen Probanden wurde Stress als wahrgenommene Belastung erfasst, während bei den US-Zwillingen physiologische Stressindikatoren wie das Cortisolniveau im Speichel gemessen wurden.

Längere Arbeitszeiten führen zu mehr Stress

Die Ergebnisse beider Studien zeigen übereinstimmend: Selbstständigkeit hängt mit einem erhöhten Stresslevel zusammen, sowohl in der selbstberichteten Wahrnehmung als auch in den körperlichen Reaktionen. Bei Selbstständigen zeigte sich eine flachere tägliche Cortisolkurve und höhere Cortisolwerte am Abend im Vergleich zu Angestellten. Dies deutet auf eine beeinträchtigte Erholungsfähigkeit nach der Arbeit hin, ein Zeichen chronischer Stressbelastung. Als entscheidender Faktor dieser Wirkung wurden die längeren Arbeitszeiten bei Selbständigen identifiziert. Der Effekt, dass Unternehmertum oft mit hoher Arbeitsvielfalt einhergeht, die stressreduzierend wirken könnte, wurde in der Studie nicht nachgewiesen. Die hohen Anforderungen und die damit verbundenen langen Arbeitszeiten scheinen die potenziellen Vorteile der Arbeitsvielfalt zu überwiegen.

Wirtschaftlich wichtige aber gesundheitlich vulnerable Gruppe

Gemäss den Forschenden sei es entscheidend, dass angehende Selbstständige, sich der erhöhten Stressoren bewusst sind. Wichtig sei es dann, Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln, etwa durch Selbsthilfemaßnahmen oder professionelle Unterstützung. Die Politik sei zudem aufgerufen, nachhaltigere Modelle des Unternehmertums zu fördern, die eine gesunde Work-Life-Balance unterstützen und administrative Hürden abbauen, um diese wirtschaftlich wichtige, aber gesundheitlich vulnerable Gruppe zu entlasten.

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