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Campus - 28.11.2025 - 09:00 

Belarussischer Schriftsteller Sasha Filipenko zu Gast an der HSG

Im Rahmen des Kurses «Kulturgeschiche Russlands» von Dr. Gulnaz Partschefeld hat Schriftsteller Sasha Filipenko einen Vortrag über autoritäre Systeme und die Rolle der Literatur gehalten. Seine offene Positionierung gegen das Regime und die Unterstützung der Proteste in Belarus von 2020 zwangen ihn ins Exil. Seitdem lebt und schafft er in Basel.
Belarussischer Schriftsteller Sasha Filipenko zu Gast an der HSG

«Über Belarus hört man immer weniger und weniger. Die Lage von Belarus ist aber insofern schlimm, dass wir nicht mal wissen, seit wann wir von Russland quasi okkupiert worden sind – aber wir wissen und wir sehen es, dass wir es sind.»

Mit dieser Feststellung eröffnete der belarussische Schriftsteller Sasha Filipenko seinen Vortrag im Rahmen des Kurses «Kulturgeschiche Russlands» von Dr. Gulnaz Partschefeld. Der Satz markiert einen Bruch: Die Okkupation bezieht sich nicht nur auf Territorium, sondern hat einen schleichenden Charakter, das fehlende Wissen um den Moment des Verlusts von Souveränität wird selbst zum Symptom einer autoritären Realität, in der Geschichte verzerrt, Sprache manipuliert und Verantwortung systematisch verschoben wird.
 

Offene Positionierung gegen das Regime in Belarus

Sasha Filipenkos offene Positionierung gegen das Regime und die Unterstützung der Proteste in Belarus von 2020 zwangen ihn ins Exil, seit dieser Zeit lebt und schafft er in Basel. Dass Filipenko in Belarus und Russland als «Extremist» und «Terrorist» gilt und seine Werke dort nicht erscheinen dürfen, verweist auf die paradoxe Logik repressiver Systeme: Literatur wird nicht wegen ihrer faktischen Macht verboten, sondern wegen ihres Potenzials, Denkprozesse auszulösen und bequeme Narrative zu destabilisieren.

«Menschen möchten die Wahrheit nicht hören; sie neigen dazu, sie zu verdrängen. Mit meinen Werken mache ich es ihnen schwer, sich die Geschichte schönzumalen».

Ausgehend davon wurde diskutiert, warum Gesellschaften nicht primär an Lügen glauben, sondern an bequemen Versionen der Wahrheit. Verdrängung erscheint hier nicht als individuelles Versagen, sondern als kollektiver, erlernter Mechanismus – und zugleich als zentrales Herrschaftsinstrument autoritärer Systeme.
 

Thema der Verdrängung in Filipenkos jüngstem Roman «Die Elefanten»

Auf das Thema der Verdrängung geht Filipenkos jüngster Roman «Die Elefanten» (2025, erscheint auf Deutsch 2026) ein. Der Elefant steht für das Unübersehbare, das dennoch ignoriert, verdrängt oder verharmlost wird – Krieg, Gewalt, Unterdrückung, familiäre und gesellschaftliche Traumata. Er wirkt zu Beginn nicht bedrohlich, beinahe vertraut. Das eigentlich Beunruhigende ist, wie schnell Menschen lernen, mit dem Elefanten zu leben, ihn zu umschiffen, zu akzeptieren.

Auch wurde über Filipenkos Roman «Kremulator» (2022) gesprochen und darüber, wie sich die Brutalität des Systems nicht in Gewalt, sondern in Bürokratie, Routinen verstrickt. Die Figur Pjotr Nesterenko, Leiter des ersten Moskauer Krematoriums während des Stalinismus, steht exemplarisch für die Funktionsträger eines autokratischen Staates, ein präzise arbeitendes Zahnrad in einer Terror-Maschinerie. Im Gespräch mit den Studierenden war daher weniger das Thema «Schuld» im moralischen Sinne im Vordergrund als die Frage nach Verantwortung in einem System, das auf Mitmachen, Schweigen und Anpassung angewiesen ist: Wo verläuft die Grenze zwischen Überleben und Mitwirkung? Wann wird Funktion zur Mittäterschaft? Und wie viel Entscheidung liegt tatsächlich noch in den Händen des Einzelnen?

Der Vortrag machte deutlich, dass autoritäre Systeme nicht nur von oben funktionieren, sondern durch unzählige kleine Akte der Anpassung stabilisiert werden. Und dass Literatur dort ansetzt, wo politische Sprache versagt: im Unbequemen, im Zwiespalt, im moralisch Unauflösbaren.

Bild: Corinne Riedener

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