Campus - 23.02.2026 - 09:00
Drei bis fünf Jahre forschten die Doktorandinnen und Doktoranden intensiv an den unterschiedlichsten Themen. Es waren Jahre, in welchen vieles fragil erschien, was lange als stabil galt. «Mit Ihrer Promotion haben Sie zu einem Erkenntnisgewinn in einer Zeit beigetragen, in der sich Gewissheiten schneller auflösen, als neue entstehen», sagte Rektor Manuel Ammann zu Beginn seiner Festrede. «Sie haben sich durchgekämpft und sind drangeblieben.»
Die Promotionsurkunden wurden in folgenden Fächern verliehen:
Im Zentrum der Festrede stand eine grundlegende Frage: «Wie geht man mit Unsicherheit um?» An den Finanzmärkten werde die unsichere Zukunft täglich gehandelt – mit Preisen, Derivaten und Risikoversicherungen. Risikomodellierungen seien in der Finanzpraxis sehr nützlich. Sie ermöglichen Prognosen. Was Modelle jedoch nur unzureichend abbilden, so Rektor Manuel Ammann, seien besonders seltene und extreme Ereignisse – sogenannte «Black Swans». Beispiele sind die Covid-Pandemie oder der Untergang der Credit Suisse.
Den Begriff «Black Swans» prägte der aus dem Libanon stammende Autor Nassim Taleb. In seiner «Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen» unterscheidet er zwischen Systemen und Individuen, die unter Unsicherheit leiden, und solchen, die von ihr profitieren. Letztere nennt er «antifragil».
«Antifragil ist nicht bloss robust: Während robuste Dinge oder Systeme Belastungen standhalten, ohne sich zu verändern, wachsen antifragile Systeme durch Herausforderungen. Wissenschaft gehört zu dieser Kategorie. Sie wird durch Irritation besser. Durch Kritik präziser. Durch Widerlegung stärker», führte Manuel Ammann aus.
Die Ausbildung an der HSG sei in diesem Sinne eine Art intensives Trainingsprogramm in Antifragilität gewesen, so Amman. Im «Rucksack», den die Promovierten nun mitnähmen, befänden sich zentrale Resilienzfaktoren:
Verantwortung war auch Thema der Gastrede von Claudia Brühwiler, Professorin für American Political Thought and Culture, akademische Direktorin des St.Gallen Collegium und Gastgeberin des Podcasts «Grüezi Amerika. Views from the Sister Republic» an der Universität St.Gallen. Sie eröffnete mit einem Zitat aus Ian McEwans Roman What We Can Know: «Thinking is always in crisis.»
«Es war noch nie leicht, langsam, abstrakt und tief zu denken. Herzlichen Glückwunsch, liebe Absolventinnen und Doktoren, dass Sie der «Thinking Class» beigetreten sind. Denken, Wieder-Denken und die Dinge noch einmal durchdenken – das war Ihre tägliche Aufgabe während Ihres Doktorats», sagte Claudia Brühwiler.
Zudem erinnerte sie daran, dass die neuen Doktorinnen und Doktoren als Bürgerinnen und Bürger Verantwortung für die aktuellen Herausforderungen der dauerhaften Krise des Denkens tragen. Dazu gehöre zunächst die Krise der Gleichzeitigkeit: Wissen sei heute überall verfügbar – und doch weniger wert als je zuvor. Die Flut an Informationen und KI-generierten Texten mache eigenständiges, tiefes Denken dringlicher denn je. Ergänzend beschrieb sie eine politische Krise: Der Aufstieg populistischer Bewegungen stellt eine Revolte dar – nicht nur gegen die Globalisierung und ihre Disruptionen, sondern auch gegen diejenigen, die davon profitieren. «Und das sind wir», betonte Brühwiler. Denken und Diskutieren seien Freiheiten. «Denken Sie weiter – mutig, couragiert und empathisch», gab sie den Promovierten abschliessend mit.
Bilder: Foto Lautenschlager GmbH
