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Campus - 20.03.2026 - 12:00 

HSG-Gründer des Jahres 2026: «Wiederholungen sind mir ein Gräuel»

Die Universität St.Gallen (HSG) ehrt den Alumnus und Serial Entrepreneur Tobias Reichmuth als «HSG-Gründer des Jahres 2026». Reichmuth hat verschiedene Unternehmen in Bereichen wie Klimawandelfinanzierung, Cryptofinance bis hin zu Longevity gegründet. Im Interview spricht er darüber, was ihn bei seinem unternehmerischen Handeln antreibt, welche Lehren er jungen Gründer:innen weitergeben will und ob Geld wirklich glücklich macht.

Das Thema Longevity steht im Zentrum deiner jüngsten Gründung Maximon, einer Art Inkubator, der wissenschaftliche Erkenntnisse zum gesunden Altern in Geschäftsmodelle überführen will. Hast du persönlich Mühe mit dem Älterwerden, oder was war deine Motivation, um in dieses Feld einzusteigen? 

Also zum Glück macht mir das Älterwerden noch keine Probleme. Meine Motivation für Maximon war die Erkenntnis: Altern ist eine Krankheit, die man heilen kann. Und die meisten Menschen wollen nicht alt werden, wenn es mit körperlichen Einschränkungen einhergeht. Hier liegt also ein grosses Bedürfnis, für das es Lösungen geben kann. Mein persönliches Ziel ist es 120 Jahre alt bei bester Gesundheit zu werden.

Springen wir vom hohen Alter in deine jungen Jahre zurück. Was hat dich in deiner Kindheit und Jugend besonders geprägt?

Geprägt hat mich vor allem das Vorbild meiner Eltern: Sie waren zwar keine Unternehmer, haben aber überall Verantwortung und Führung übernommen. Ihr grosses Vertrauen – nach dem Motto «Probier es einfach aus» – gab mir die nötige Leichtigkeit für meine späteren, oft ambitionierten Projekte. Mit 14 Jahren reiste ich bereits per Interrail durch Osteuropa und bis zum Nordkap und mit 19 Jahren ging ich zum ersten Mal nach Russland. Das waren damals schon recht abenteuerliche Reisen. Diese Neugierde auf das Unbekannte, dieser fast unbändige Wunsch, Neues zu lernen, treibt mich bis heute an; Wiederholungen sind mir ein Gräuel. 

Was denkst du, steckt denn hinter diesem stetigen Drang nach Abwechslung und Neuem?

Gute Frage… Ich denke, bis heute ist es mir einfach gut gelungen, dass ich meine Wünsche umzusetzen versuche, sobald ich eine Möglichkeit dazu sehe. Ich warte dann nicht ab - der richtige Moment kommt nie. Das bringt manchmal vielleicht eine gewisse Unstetigkeit mit sich. Auf der anderen Seite erlaubt es einem eben auch, sehr viel zu erleben.

«Heute empfehle ich Gründer:innen oft sogar Copycats von bestehenden Ideen in wachsenden Märkten zu machen.»
Tobias Reichmuth

Dein erstes Unternehmen hast du dann auch schon während deines Studiums an der HSG gestartet. Du hast damals eine Firma für Employer-Branding gegründet und diese dann zeitgleich mit dem Abschluss deines Studiums 2003 verkauft. Was sind deine Lehren aus dieser ersten Unternehmensgründung als Studierender und dem darauffolgenden Exit?

Eine meiner wichtigsten Lehren war, dass man nicht unbedingt der Erste oder extrem innovativ sein muss. Heute empfehle ich Gründer:innen oft sogar Copycats von bestehenden Ideen in wachsenden Märkten zu machen, da dies ein viel einfacherer Weg zum Erfolg ist. Zudem habe ich gelernt, wie wichtig Skalierbarkeit ist. Ich habe die Firma beim Studienabschluss verkauft, weil mir klar wurde, dass sie als reines Projektgeschäft nie wirklich groß werden konnte. Ein entscheidender Moment war auch die Erkenntnis, wie man Opportunitäten nutzt: Ich habe damals einfach meinen Praktikumschef bei Novartis davon überzeugt, mein erster Kunde zu werden, wodurch ich sofort einen Schlüsselkunden gewonnen hatte.

Nach diesem Exit hast du aber nicht direkt ein neues Unternehmen gegründet, sondern bist zuerst noch zwei Jahre zur Boston Consulting Group (BCG). Warum dieser Entscheid?

Ich wollte nach dem Studium mit dem Geld des Exits eigentlich auf Weltreise. Ich hatte aber eine Freundin, welche noch nicht fertig war mit dem Studium und so verschob ich diesen Plan noch ein bisschen. Die Zeit bis zu ihrem Abschluss wollte ich sinnvoll nutzen und bewarb mich bei der Boston Consulting Group. Als mir dort ein Job angeboten wurde, fühlte ich mich natürlich geehrt und obwohl dann mit meiner Freundin trotzdem Schluss war und ich auch gleich auf Weltreise hätte gehen können, dachte ich mir, eine bisschen BCG wäre schon geil. 

Nach den zwei Jahren bei BCG bist du dann 2006 schliesslich doch noch für zwei Jahre auf Weltreise gegangen und hast dabei Spenden für SOS-Kinderdorf gesammelt. Warst du nach BCG auf der Suche nach mehr Lebenssinn?

Ich wollte schlicht verhindern, dass die zweijährige Weltreise ein reiner Egotrip wird. Da mein Patenonkel bereits das SOS-Kinderdorf unterstützte, fragte ich dort an und verkaufte schließlich meine Reisekilometer online für einen guten Zweck. Ob ich gezielt nach Sinn suchte? Eigentlich wollte ich mich während der Reise treiben lassen und keine neuen Pläne schmieden. Doch dann begegnete mir in Alaska der Klimawandel sehr konkret in Form von schmelzendem Permafrostboden, in dem ein LKW eingesunken war, dessen Fahrer ich mit meinem Auto dann mitgenommen hatte. Ich kannte das Problem des Klimawandels schon vom Studium her, aber das hatte mich damals noch wenig berührt. Auf meiner Reise tauchte es dann aber immer wieder sehr konkret auf: Wasserprobleme in Bolivien, Methangas, das in Russland aus getautem Permafrostboden trat oder die schmelzenden Gletscher bei uns. Mir wurde klar: Um wirklich etwas zu bewegen, muss man als Unternehmer agieren. Man kann ein viel größeres Rad drehen, wenn man ein globales Problem nicht nur durch Spenden, sondern durch ein profitables Geschäftsmodell löst. Mit meinem im Jahr 2009 gegründeten Unternehmen SUSI Partners wollte ich das Problem des fehlenden Kapitals für Klimaprojekte dann lösen: wir brachten institutionelles Kapital zu Windparks, Solarprojekten oder grossen dezentralen Energiespeichern.

Nach Susi Partner hast du noch weitere etwas weniger nachhaltigkeitsorientierte Projekte gestartet. Etwa im Bereich Kryptofinanzen und im Bereich von Zukunftstechnologien, wie KI und Robotik. Was trieb dich dabei an?

Nach sieben Jahren Susi Partners suchte ich schlicht eine neue intellektuelle Herausforderung. Den Erfolg von SUSI nur noch zu vergrößern, fühlte sich für mich nach Wiederholung an – und wie gesagt, kann ich Wiederholungen nicht ausstehen. Der eigentliche Wendepunkt war mein Besuch an der Singularity University in den USA im Jahr 2016. Dort wurde mir schlagartig bewusst, wie rasant exponentielle Technologien ganze Märkte umkrempeln. Ich sah das Schicksal von Firmen wie Kodak oder Nokia vor Augen, die den Anschluss verpasst hatten, und wollte verstehen, wie man sich als Unternehmer hier richtig positioniert. Mit der 2017 gegründeten Singularity Group investierten wir dann gezielt in Technologieführer aller Branchen, die Innovationen gewinnbringend anwenden. Bei Krypto war es ähnlich: Ich wollte Bitcoin verstehen, fand den Markt damals aber wie den Wilden Westen vor – ohne professionelle Strukturen für institutionelle Investoren. Also haben wir mit der Crypto Finance Group genau diese Brücke gebaut. 

Wie gehst du vor, um für deine unternehmerischen Projekte zwischen langfristigen Trends und kurzfristigen Hypes zu unterscheiden?

Das Wichtigste ist für mich immer die Frage: Löst eine Innovation ein wirklich großes Problem? Longevity ist zum Beispiel deshalb kein kurzfristiger Hype, weil es das fundamentale Problem löst, dass eigentlich niemand seine letzten Lebensjahre in einem hinfälligen Körper verbringen möchte. Dabei bleibe ich pragmatisch: Ich investiere nur, wenn es heute schon reale Anwendungsfälle gibt. Weltraum-Taxis zum Mars wären natürlich auch eine faszinierende Vision, aber solange die physikalischen Probleme nicht gelöst sind und der Markt fehlt, ist mir das als Unternehmer und Investor noch zu weit weg.

Aber ist es nicht zu spät in eine Branche einzusteigen, wenn es schon erste Anbieter gibt, die da bereits die Nase vorne haben?

Nein, es ist einfacher. Wenn du der Allererste bist, ist es schwierig. Bei Longevity waren wir fast ein bisschen früh. Wir sind 2020 reingegangen, da wusste keiner, was das ist, außer ein paar Verrückte. Und wenn du erst erklären musst, worum es eigentlich geht, haben Geschäftspartner eine wesentlich höhere Hürde, um mit dir zu arbeiten, bei dir zu investieren und so weiter. Du musst ihnen erst mal erklären, was für eine Industrie das eigentlich ist und was du da machen willst.

Also sollte man als Gründer:in nicht zwingend darauf erpicht sein, selbst eine Welle loszutreten, aber dennoch genügend früh auf eine aufzuspringen versuchen. Wie gehst du denn vor, um vielversprechende Wellen frühzeitig zu erkennen?

Um diesen Vorsprung zu haben, nutze ich die heutige Demokratisierung des Wissens. Heute kann jeder alle Informationen kriegen, wenn er will. Aber dafür sind viele zu faul. Also höre ich genau hin –etwa bei Podcasts oder Konferenzen mit den weltweit klügsten Köpfen. Wenn ich von einem neuen, spannenden Thema noch wenig Ahnung habe, initiiere ich manchmal auch selbst eine Konferenz, um die schlauesten Köpfe der Branche kennenzulernen und so das Feld zu durchdringen.

Aber es kann ja nicht jeder, der noch keinen Namen hat wie du, gleich eine Konferenz einberufen, wenn ihn ein Feld interessiert?

Warum nicht?! Tatsächlich ist es sogar viel einfacher, wenn man jung ist und noch keinen großen Namen hat. Wenn ich heute als gestandener Unternehmer ankomme, sind die Leute oft reservierter, aber bei einem 19-jährigen Studenten sagen alle: «Wie cool, ein junger Mensch will was anpacken, dem helfe ich!» Initiativen wie der START Summit zeigen dies ja exemplarisch. Man bekommt gerade als Student oder Absolvent unglaublich viel Support von allen Seiten. Die Experten einer Branche unterstützen den authentischen Wissensdurst der Jugend meist sehr gerne. Deshalb ist mein Rat: Wartet nicht auf den Master oder jahrelange Berufserfahrung – gründet so früh wie möglich. Die Lernkurve ist in dieser Phase am steilsten und die Türen stehen euch durch den Jugendbonus weiter offen, als ihr vielleicht vermutet. Ausserdem sind auch die Opportunitätskosten beim Scheitern in jungen Jahren noch am geringsten.

«Geht an jede Konferenz, sprecht mit jedem über eure Ideen und versteckt euch nicht im Stealth-Mode.»
Tobias Reichmuth

Wie gehst du mit Unsicherheiten und Risiken um bei deinen Entscheidungen?

Risiko sehe ich als essenziellen Teil einer Gleichung aus Risiko und Ertrag. Wer etwas gewinnen will, muss bereit sein, in diesem Spannungsfeld zu navigieren. Meine Strategie ist dabei die 80/20-Regel: Ich treffe Entscheidungen meist auf Basis von 80 % der Informationen. Wer versucht, jedes Detail zu 100 % im Voraus zu berechnen, ist am Ende schlichtweg zu langsam. Ich vergleiche das gerne mit einem Skirennfahrer: Um zu gewinnen, muss er ein hohes Risiko eingehen, aber er minimiert es gleichzeitig durch hartes Training, die richtige Materialwahl und eine präzise Analyse der Strecke. Man stürzt sich nicht blindlings den Hang hinunter.

Anders gefragt: Welche Rolle hat Glück bei deinen Erfolgen gespielt?

Glück ist für mich immer ein Teil der Gleichung, aber ich glaube fest an das «Glück des Tüchtigen». Die entscheidende Frage ist nicht, ob man Glück hat, sondern wann es kommt und wie viel Zeit man ihm gibt. Ob man einen Schlüsselkunden nach sechs Monaten oder erst nach vier Jahren findet, kann über Erfolg oder Scheitern entscheiden. Man kann das Glück zwar nicht erzwingen, aber man kann es beschleunigen, indem man extrem präsent ist. Mein Rat: Geht an jede Konferenz, sprecht mit jedem über eure Ideen und versteckt euch nicht im «Stealth-Mode». Je mehr Leute wissen, was ihr vorhabt, desto größer ist die Chance auf konstruktive Kritik oder den entscheidenden Kontakt.

Bist du denn überhaupt mal grandios gescheitert?

Ja, einmal habe ich wirklich kompletten Mist gebaut, als ich im Eiltempo eine Wodka-Marke lanciert habe. Es war kurz nach Kriegsbeginn in der Ukraine; wir wollten mit «Wodka Zelensky» ein Charity-Projekt aufziehen und pro verkaufter Flasche 10 Franken Soforthilfe spenden. Von der Idee bis zum Marktstart dauerte es nur sieben Tage, doch ich hatte mich im Vorfeld überhaupt nicht mit dem Alkoholgesetz oder der politischen Sensibilität befasst. Die großen Supermärkte lehnten das Produkt ab, weil es ihnen zu politisch war, und bei Lidl gab es sogar negative Schlagzeilen, weil die Leute den Spendencharakter auf dem Etikett nicht sofort begriffen. Das war ein klassischer Fehler: Ich wollte einfach zu schnell helfen und habe die nötigen Marktabklärungen vernachlässigt. In so einem Moment muss man dann aber auch den Mut haben, die Übung rechtzeitig abzubrechen, anstatt noch mehr Zeit und Geld in ein Projekt zu investieren, das offensichtlich nicht funktioniert.

«Glück bedeutet für mich vor allem die Freiheit, das zu tun, was ich will - und zwar mit tollen Menschen.»
Tobias Reichmuth

Du warst auch lange Zeit als Business Angel bei der «Höhle der Löwen» dabei. Was rätst du jungen Gründer:innen bei Pitches vor potentiellen Investor:innen?

Das Wichtigste zuerst: Lernt euren Pitch niemals auswendig! Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand seinen Pitch herunterbetet und dann stecken bleibt. Ich will kein geschliffenes Skript, sondern authentisch wissen: Warum brennst du für die Idee, wie setzt du sie um und mit wem? Ein weiterer Fehler, den ich oft sehe, ist die mangelnde Investorenperspektive. Ihr müsst verstehen, dass ich mein Kapital nicht nur zurückhaben will, sondern einen Faktor 10 erwarte. Fragt euch selbst kritisch: Ist das wirklich ein skalierbarer Investment Case oder eigentlich nur ein Projekt für eine Selbstständigkeit? Dazu gehört auch, größer zu denken. Schweizer Gründer starten oft im Kanton Appenzell und planen dann Schritt für Schritt St. Gallen und den Rest der Schweiz. Ich will aber hören, wie ihr sofort die gesamte DACH-Region und danach die USA angreift – seid aggressiver in euren Wachstumsplänen! Zuletzt noch ein Rat zum Team: Geht keine Kompromisse bei Co-Foundern ein. Ein 50/50-Split mit jemandem, den man nicht in- und auswendig kennt, ist gefährlich. Manchmal ist es besser, erst einmal allein zu gründen und später starke Teammitglieder dazuzuholen. Und wie gesagt nutzt euren Jugendbonus: Als junge Gründer bekommt ihr heute viel einfacher Support und Türen geöffnet als später im Leben.

Was bedeutet Glück für dich persönlich und welche Rolle spielt Geld dabei?

Glück bedeutet für mich persönlich vor allem die Freiheit, das zu tun, was ich will – und zwar mit tollen Menschen. Als Unternehmer habe ich den Luxus, Dinge so umzusetzen, wie ich sie für richtig halte, was in einem Angestelltenverhältnis kaum möglich wäre. Geld ist dabei ein Mittel zum Zweck: Es ermöglicht Projekte, die ohne Kapital nicht machbar wären. Aber es macht im persönlichen Leben ab einem gewissen Punkt nicht automatisch glücklicher. Ich war auf meiner zweijährigen Weltreise, die inklusive Fahrzeug etwa 130.000 Franken kostete, nicht weniger glücklich als heute beim Herumschiffen mit einer Millionen-Yacht. Tatsächlich war die Reise mit dem Auto sogar fast spannender, weil man weniger mit organisatorischen oder technischen Problemen zu kämpfen hatte.

Dann könntest du ja deine Yacht verkaufen und wieder mehrere Jahre mit einem alten Auto auf Reisen gehen?

Nein, denn das habe ich ja schon gemacht. Keine Wiederholungen. Aber mit dem Fahrrad von Nordnorwegen nach Südfrankreich, das will ich demnächst machen. 

Wenn wir in 75 Jahren nochmals zusammenkommen und du 120 Jahre alt bist, welches Vermächtnis möchtest du hinterlassen haben? 

Wenn ich mit 120 zurückblicke, möchte ich sagen können, dass ich bei wichtigen Fragen meiner Zeit ein Rolle spielen konnte. Mit Susi Partners haben wir Pionierarbeit geleistet und durch die weltweit ersten Energiespeicher- und Energieeffizienzfonds die Energiewende beschleunigt. Im Bereich Longevity ist mein Ziel, dass 120 Jahre bei guter Gesundheit der neue Standard sind – statt der früher üblichen 80 Jahre – und meine Firmen geholfen haben, diese 40 zusätzlichen gesunden Jahre zu ermöglichen.

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