Campus - 27.03.2026 - 11:50
Wenn Sie den START Summit 2026 in drei Punkten zusammenfassen müssten: Was sagt die Konferenz über den Zustand der europäischen Startup Szene aus?
Erstens: Der Unternehmergeist in Europa ist lebendig und vielfältig – insbesondere das Bewusstsein für nachhaltige und gesellschaftlich relevante Innovationen ist deutlich gewachsen. Zweitens: Die Talente sind da, aber die Finanzierungs- und Skalierungsphase bleibt eine Herausforderung. Drittens: Der zunehmende Austausch zwischen Wissenschaft, etablierter Industrie und Startups zeigt, dass die europäische Innovationslandschaft erwachsener wird.
Was hat Sie dieses Jahr am meisten überrascht?
Mich hat überrascht, wie stark künstliche Intelligenz inzwischen als Werkzeug für Impact Innovation genutzt wird: Sei es in der Kreislaufwirtschaft, in der Bildung oder im Gesundheitswesen. Einige Startups denken KI nicht mehr nur als Technologieprojekt, sondern als Hebel für gesellschaftliche Transformation.
Viele Gründerinnen und Gründer sagen, frühe Finanzierung sei schwieriger geworden. Spüren Sie diese Entwicklung auch?
Ja, eindeutig. Die Risikobereitschaft hat sich nach den Boomjahren abgekühlt, viele Investorinnen und Investoren achten stärker auf Kapitaleffizienz und klare Geschäftsmodelle. Das hat aber auch eine positive Seite: Teams, die sich jetzt behaupten, verfügen oft über eine höhere Substanz und langfristigere Perspektive.
Immer mehr Kapital fliesst in Deep Tech statt in Consumer Startups. Ist das eine strategische Stärke Europas?
Absolut. Deep Tech entspricht Europas DNA – wir haben starke Forschungsinstitutionen, Ingenieurstradition und exzellente Talente. Entscheidend ist nun, diese wissenschaftliche Exzellenz mit unternehmerischer Geschwindigkeit zu verbinden. Wenn uns das gelingt, kann Europa auf Gebieten wie KI, Quanten- oder Klimatechnologie führend werden.
Sind Universitäten heute der wichtigste Motor für neue Startups in Europa?
Sie sind ein zentraler Motor, vielleicht nicht der einzige, aber ein unverzichtbarer Treiber. Universitäten bringen nicht nur Technologie hervor, sondern zunehmend auch unternehmerische Talente, interdisziplinäre Netzwerke und eine Kultur des Experimentierens. In unserer Zusammenarbeit mit Partnern wie der ETH oder der TUM sehen wir, wie aus akademischen Ideen marktfähige Innovationen entstehen.
Europa produziert viele Startups, aber wenige globale Tech-Giganten. Was fehlt am meisten: Kapital, Talent oder Mut?
Alle drei Elemente spielen eine Rolle, aber ich würde sagen: Es ist vor allem Mut – Mut zum Skalieren. Wir neigen in Europa dazu, bei der Perfektion zu beginnen, statt beim schnellen Markttest. Mehr Vertrauen in Unschärfe, mehr «trial and error» und eine stärkere Wachstumsmentalität würden uns helfen, globale Champions hervorzubringen.
Entsteht im Alpenraum tatsächlich ein neues Innovationscluster? Und wie kann es mit Tech-Zentren wie Shanghai oder Silicon Valley konkurrieren?
Ja, das sehe ich klar. Zwischen Genf, Zürich, St. Gallen und München vernetzen sich Universitäten, Investoren und Unternehmen zunehmend systematisch – wir «fahren die Maschinenräume», wie es Helmut Schönenberger treffend formuliert hat. Wenn der Alpenraum seine kritische Masse erreicht und die Kräfte bündelt, kann hier ein europäisches «Tech Valley» entstehen. Entscheidend ist die Kollaboration über nationale Grenzen und institutionelle Silos hinweg.
Wie tickt die neue Generation von Gründerinnen und Gründern im Jahr 2026?
Sie ist pragmatischer, werteorientierter und globaler als frühere Generationen. Viele wollen nicht nur ein Unicorn bauen, sondern ein «meaningful business» schaffen – ein Unternehmen, das Wirkung entfaltet. Ihr Denken ist von Beginn an international, aber gleichzeitig sehr bewusst in Bezug auf gesellschaftliche Verantwortung.
Gab es auf dem Summit ein Startup, bei dem Sie dachten: Das könnte ein zukünftiger europäischer Tech Champion werden?
Ja, es gab mehrere spannende Kandidaten – besonders beeindruckt hat mich ein Team aus dem Bereich nachhaltige Materialien, das mit einem klaren wissenschaftlichen Fundament ein skalierbares Geschäftsmodell verbindet. Solche Startups zeigen, wie Scientific Entrepreneurship in Europa funktionieren kann.
Wenn wir uns 2030 wieder treffen: Woran erkennen wir, ob Europas Startup-Strategie funktioniert hat?
Daran, dass wir nicht mehr über «europäische Champions» sprechen, sondern über globale Unternehmen, die selbstverständlich aus Europa kommen. Erfolg bedeutet, dass Wissen, Kapital und Talente in einem selbstverstärkenden Kreislauf zusammenfinden. Und dass Innovation hier nicht nur entsteht, sondern auch wächst und bleibt.
Prof. Dr. Dietmar Grichnik ist Prorektor für Innovation und Qualität, Mitglied des Rektorats, Ordentlicher Professor für Entrepreneurship und Direktor des Instituts für Technologiemanagement an der der Universität St.Gallen (HSG). HSG Entrepreneurship schlägt eine Brücke des Wissenstransfers, um wertschöpfende Unternehmen ins Leben zu rufen.
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