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Hintergrund - 20.03.2026 - 10:00 

Von Apps zu Drohnen: Europas Startup-Szene diskutiert in St.Gallen neue strategische Technologien

Auf dem START Summit in St.Gallen verschiebt sich der Fokus: Statt Apps und Plattformen rücken Drohnen, Robotik und Dual-Use-Technologien ins Zentrum. Getrieben von geopolitischem Druck sucht Europas Startup-Szene nach Antworten auf die Frage der technologischen Souveränität.
Von Apps zu Drohnen: Europas Startup-Szene diskutiert in St.Gallen neue strategische Technologien

Vor der «Alpine Stage» des START Summit in St.Gallen haben sich Gäste aus aller Welt versammelt. Auf der Bühne diskutieren Andreas Schwarzenbrunner, General Partner von Speedinvest und Stefan Röbel, Mitgründer des Startups ARX Robotics über «Defence‑Ready Robotics in Europe». Während Gründer und Investorinnen am START Summit in den vergangenen Jahren vor allem über Apps, Plattformen und Softwaremodelle sprachen, rücken derzeit industrielle Technologien stärker in den Fokus. Und damit auch sogenannte Dual‑Use-Systeme: Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können.

Fokus auf strategische Technologien

Ein Grund für diesen Trend: Die geopolitische Lage. In Europa wächst der politische Druck, technologisch unabhängiger zu werden. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt, welche strategische Bedeutung vergleichsweise einfache Technologien wie Kleindrohnen inzwischen haben. Die Investitionen in Defence-Tech-Startups steigen stark, wie diverse Medien (Forbes/ DefenseNews) berichteten: Weltweit flossen 2025 rund 29 Mrd. US-Dollar Risikokapital in den Sektor, mit besonders hohen Wachstumsraten auch in Europa, wo sich das Volumen gemäss NATO Innovation Fund zuletzt deutlich erhöht hat. Gleichzeitig bleibt die Lücke zu den USA gross: Rund 80 bis 85% der Investitionen stammen weiterhin aus den Vereinigten Staaten, und ein erheblicher Teil des Kapitals für europäische Startups kommt sogar direkt von dort. Dennoch formiert sich in Europa ein wachsendes Ökosystem mit inzwischen mehreren hundert Defence- und Dual-Use-Startups, insbesondere in Clustern wie München, Paris oder London.

Avientus: Clevere Fluggeräte für unbemannten Transport

Die Gästeliste des START Summit spiegelt diese Entwicklung: Zwischen Investoren, Studierenden und jungen Gründern steht ETH-Absolvent Johannes Aicher, ehemaliger Sauber-Mitarbeiter. Der Maschinenbauingenieur ist CEO und Mitgründer des Startups Avientus, welches mit Kleindrohnen unbemannte Transporte ermöglicht. Dies ist im militärischen Einsatz genauso möglich wie auch in der zivilen Logistik. In Kampfgebieten versorgt das Transportsystem Menschen im militärischen Einsatz mit wichtigen Gütern.

Der Clou ist das System, wie Innovationpark Zurich berichtete: Eigenständiges Beladen und Entladen dank einer cleveren Ladestation und einem smarten Fluggerät. «Es sieht ein bisschen aus, wie wenn eine Drohne und ein Flugzeug ein Kind bekommen hätten», sagt Aicher. «Die Schweiz ist ein grossartiger Ort, um ein Produkt wie dieses zu entwickeln und ein Startup zu gründen», ergänzt er. Das Business-Training im HSG START Accelerator im Herbst 2025 hat ihm geholfen, das Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Mit Erfolg: Avientus gehört zu den Top 100 Swiss Startup im Public Voting 2025 im Bereich Robotik. Die Schweizer Exportregulatorik und die fehlende NATO-Mitgliedschaft stellen für das Startup eine Herausforderung dar. Langfristig sieht Aicher daher auch gute Chancen in München als zweiten Standort, wo viel «Defence-Kapital» ruhe. «Das Interesse von Investoren in Europa an Verteidigungs-Technologien steigt spürbar», sagt Aicher. Dies bestätigt auch HSG-Alumnus Stefano L. Saeger von Arctos Capital am Rande der Konferenz: «Venture Capital folgt dem Herdentrieb. Man kann aktuell einen Shift weg von Investitionen in ESG-Lösungen hin zu Defence-Startups beobachten», sagt Saeger.

Twentyfour Industries: Das Interesse an Verteidigungstechnologien in Europa steigt

Venture‑Capital-Geber in Europa wie Klaus Hommels sprechen inzwischen offen über Defence‑Tech. Ein Thema, das in der europäischen Tech-Szene lange als politisch heikel galt, durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine aber eine neue Bedeutung erlangt hat. So plant Klaus Hommels laut Branchenberichten einen Fonds von mehreren hundert Millionen Euro für Verteidigungs‑ und Deep‑Tech‑Startups aufzusetzen.

Hommels war an Erfolgsgeschichten wie Spotify beteiligt und gehört zu den bekanntesten europäischen Risikokapitalgebern. Eines der Startups, in das er investiert, ist das Kleindrohnen-Unternehmen Twentyfour Industries, aufgezogen von zwei Absolventen der Universität St.Gallen: Clemens Kürten und Erik Linden. Sie gehören ebenfalls zu einer Generation von Gründern, die physische Technologien bauen. «Viele Startups beginnen mit einem Pitchdeck», sagt Kürten. «Wir haben zuerst produziert.» Wie das Handelsblatt berichtete, hatte das Unternehmen bereits erste Prototypen gebaut und Kundenkontakte aufgebaut, bevor es öffentlich auftrat.

Europa: Ausbildungsort für Gründer, die später in die USA gehen?

Für viele Investorinnen und Investoren ist die Debatte Teil einer grösseren strategischen Frage: Kann Europa eine eigene Technologieindustrie aufbauen? Oder bleibt der Kontinent vor allem ein Ausbildungsort für Gründerinnen und Gründer, die später in die USA gehen?

Tatsächlich entsteht ein grosser Teil der weltweit führenden Technologieunternehmen weiterhin in den USA. Laut dem Silicon Valley Index 2025 konzentrieren sich dort Hunderte Milliarden-Dollar-Startups. Insgesamt beherbergen die USA rund 45% der weltweiten Unicorn-Unternehmen. Europa verfügt zwar über starke Universitäten und eine grosse Zahl gut ausgebildeter Ingenieure, doch bei Risikokapital und Skalierung liegen die USA immer noch weit vorne. Gleichzeitig sehen einige Beobachter gerade im Bereich industrieller Technologien neue Chancen für Europa.

Die Verteidigungsfähigkeit von Staaten hängt auch von der digitalen Souveränität ab. Gefragt ist daher auch die entsprechende Software. Leonardo Moretti ist einer der jungen Gründer am START Summit, welche die Alpenregion vertreten und aus innerer Überzeugung auch langfristig in und für Europa tätig sein wollen. Moretti ist zusammen mit seinem Co-Founder am Bodensee aufgewachsen. Unternehmerische Erfahrung sammelten die beiden in Düsseldorf als Partner von etablierten IT-Dienstleistern bei der Entwicklung von Softwareprojekten für börsennotierte Corporates und regulierte Organisationen wie das Kantonsspital St.Gallen.

Adminity: Explosion von Sensordaten steigert Integrationsdruck auf Militärsysteme

Ihr jüngstes Venture: Adminity. Das Jungunternehmen hat sein Team in St.Gallen aufgebaut und zählt als Finalist des STARTFELD Rohdiamants zu den drei besten Start-up-Ideen der Ostschweiz. «Mit der Explosion von Drohnen- und Sensordaten wächst der Integrationsdruck auf Militärsysteme. Adminity setzt genau dort an», erklärt Moretti auf der Messe des START Summit die Defence-Tech-Anwendung seines Startups, dessen Plattform auch für vernetzte E-Government-Lösungen relevant ist. «Wir entwickeln Software, die Systeme miteinander sicher und regelkonform sprechen lässt. Ausgelegt auf die speziellen Anforderungen des Militärs und der öffentlichen Verwaltung.»

Aktuell ist St.Gallen für Moretti und sein Team «the place to be», da sie die Stadt und den Kanton als einen der nationalen Vorreiter in Sachen Behördendigitalisierung wahrnehmen. Denn obgleich vieles sehr gut funktioniert: Wie der eGovernment-Benchmark-Bericht 2024 der Europäischen Kommission zeigt, liegt die Schweiz auf Rang 31 von insgesamt 37 Ländern. Der Bericht vergleicht, wie Staaten digitale öffentliche Dienste erbringen. Dies lässt Adminity noch genug Möglichkeiten, in der öffentlichen Verwaltung noch bessere Lösungen zu entwickeln. Mit Blick auf Kunden für ihre Defence-Tech-Software und den anstehenden Markteintritt in die EU, wäre Estland auch eine interessante Region.

Ingenieurswissen, Industriekompetenz und Zugang zu Fertigung

Während Plattformmodelle stark von Netzwerkeffekten und grossen Binnenmärkten profitieren, spielen bei Robotik, Produktion oder Drohnentechnologie andere Faktoren eine Rolle. Etwa Ingenieurswissen, Industriekompetenz und Zugang zu Fertigung. Länder wie Deutschland oder die Schweiz gelten als stark in Präzisionstechnologie und Maschinenbau. Deutschland ist laut Daten des Branchenverbands VDMA der grösste Maschinenbaustandort Europas, wie auch Stefan Röbel, Mitgründer des Startups ARX Robotics auf der Alpine Stage am START Summit betont: «Es gibt einen starken industriellen Muskel in Deutschland.» Aber entsteht in der europäischen Alpenregion zwischen Genf, Lausanne, Zürich, St.Gallen und München tatsächlich eine neue Generation von Technologieunternehmen?

«Silicon Valley is a state of mind – why not doing it in St.Gallen?»

Europäische Startups haben im globalen Vergleich häufig Schwierigkeiten, grosse Finanzierungsrunden zu sichern oder schnell international zu wachsen. Gabriel Vasquez, Investment Partner bei der US-amerikanischen Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz, ist stets auf der Suche nach vielversprechenden Startups in Europa. Er hält während eines Podiums am START Summit gegen die verbreitete Idee, nur in den USA könnten Startups richtig gross rauskommen. Er ermutigt Gründerinnen und Gründer, mit «entrepreneurial spirit» auf ihre eigenen Stärken zu setzen und das globale Netzwerk zu nutzen: «Silicon Valley ist ein gedanklicher Ort, der sich überall auf der Welt befinden kann. Auch in kleinen Orten fernab von den bekannten Startup-Zentren lassen sich Weltunternehmen gründen.»

Fazit: Werden sich Startups wie Twentyfour Industries, Adminity oder Avientus weiterhin so erfolgreich entwickeln, könnten sie zeigen, wie Unternehmen auch in München oder St.Gallen erfolgreich wachsen können. Und damit andere junge Talente inspirieren, das Gründen in der Alpenregion auszuprobieren.

Bild: START Summit, Andreas Schwarzenbrunner (Speedinvest), Stefan Röbel (ARX Robotics)

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