Forschung - 03.02.2026 - 09:00
Brasilien ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall – es handelt sich um ein globales Phänomen. Was es analytisch wertvoll macht, ist die Sichtbarkeit des Problems, die von uns generierten Daten und die Kombination aus Kolonialgeschichte, tiefen Ungleichheiten und der Verbreitung sozialer Medien. Die Internetdurchdringung liegt bei etwa 90 %; 95 % der Nutzer verwenden WhatsApp täglich, und die durchschnittliche Nutzung sozialer Medien übersteigt 3,5 Stunden pro Tag. Während die allgemeine Verbreitung statistisch mit den weltweiten Raten vergleichbar ist, weist Brasilien in bestimmten Kategorien eine einzigartige Schwere auf und liegt an siebter Stelle bei sexuellen Übergriffen im Netz. Die psychologischen Auswirkungen scheinen besonders gravierend zu sein – das Land liegt an der Spitze der Berichte, in denen Online-Gewalt die körperliche Sicherheit, die psychische Gesundheit und den Lebenswillen beeinträchtigt. Feministische Wissenschaftlerinnen wie Débora Diniz waren solchen anhaltenden Angriffen ausgesetzt, dass sie ins Exil gingen. Frauenfeindlichkeit in Brasilien ist auch untrennbar mit rassistischen Hierarchien verbunden, wie die erhöhte Gefährdung schwarzer und indigener Frauen zeigt.
Wir haben sowohl eine Zunahme der Frauenfeindlichkeit im Internet als auch einen Übergang von mangelndem öffentlichen Bewusstsein zu offenen Diskussionen darüber beobachtet. Im Jahr 2011 begann ein «feministischer Frühling», der sich auch gegen Gewalt im Internet richtete. Gleichzeitig gab es eine konservative Gegenbewegung. Die rechtsextreme Politik hat Frauenfeindlichkeit im politischen Diskurs normalisiert. Juristisch betrachtet kam es in dieser Zeit zu einer Verrechtlichung durch wegweisende Gesetze, die nach Opfern benannt sind, wie das Carolina-Dieckmann-Gesetz (2012) und das Rose-Leonel-Gesetz (2018). Ich habe acht Gesetze erfasst, die als direkte Reaktion auf technologiegestützte geschlechtsspezifische Gewalt verabschiedet wurden. In letzter Zeit haben sich die Bedenken auf geschlechtsspezifische politische Gewalt und durch KI-generierte Schädigungen ausgeweitet.
Mit der Niederlage von Bolsonaro verschwand eine Persönlichkeit, die frauenfeindliche Diskurse als Waffe eingesetzt hat. Allerdings hat er die Frauenfeindlichkeit in Brasilien nicht geschaffen, sondern nur verstärkt. Die «Machosfera» bleibt ein robustes, hoch monetarisiertes Ökosystem. Die aktuelle Regierung räumt der Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt zwar Priorität ein, doch die Umsetzung bleibt unzureichend. 2025 hat der Oberste Gerichtshof jedoch die Haftung von Plattformen neu definiert und spezifische Sorgfaltspflichten in Bezug auf schwere Verbrechen gegen Frauen festgelegt. Die Folgen bleiben abzuwarten.
Sehr besorgt. Deepfakes stellen eine Industrialisierung bildbasierter Gewalt dar. Untersuchungen zeigen, dass 98 % der Deepfake-Videos sexuelle Inhalte haben und zu 99 % Frauen betreffen. In Brasilien haben wir Fälle in Schulen und politischen Kampagnen dokumentiert. Was mich am meisten beunruhigt, ist das Ausmass und die Zugänglichkeit. Aber das ist nichts völlig Neues – es ist eine Fortsetzung derselben frauenfeindlichen Logik mit neuen technischen Mitteln. Brasilien hat 2025 ein Deepfake-Gesetz verabschiedet, das jedoch die bekannten Einschränkungen zeigt: Strafrecht als gesellschaftliche Botschaft ohne ausreichende Berücksichtigung der Durchsetzung, der Opferhilfe oder der Verantwortlichkeit der Plattformen. Was es braucht, ist nicht nur eine Gesetzgebung gegen Einzelpersonen, sondern eine Regulierung des Ökosystems: Pflichten für KI-Entwickler, um böswillige Nutzung zu verhindern, Anforderungen an Plattformen, um sexuelle Bilder proaktiv zu erkennen und zu entfernen, sowie Ressourcen für Opfer.
Der Wandel wurde durch drei Faktoren ausgelöst. Erstens: die rechtliche Haftung. Ursprünglich beriefen sich die Plattformen auf das Marco Civil, Brasiliens grundlegendes Internetgesetz von 2014, das die Bürgerrechte im Internet definiert. Sie argumentieren, keine Verantwortung zu tragen, solange keine gerichtliche Anordnung vorliege. Ihre Position wurde unhaltbar, als 2013 zwei junge Frauen nach Verbreitung intimer Bilder Selbstmord begangen hatten. Die öffentliche Empörung führte zu Artikel 21, der Plattformen verpflichtet, nicht einvernehmlich geteilte intime Bilder nach Benachrichtigung des Opfers zu entfernen, auch ohne Gerichtsbeschluss. Zweitens übte der anhaltende feministische Aktivismus Druck auf die Plattformen aus, mehr Verantwortung zu übernehmen. Drittens machten internationale Rechtsvorschriften wie der europäische Digital Services Act davon abweichende Standards unhaltbar. 2025 hob der Oberste Gerichtshof die allgemeine Haftungsregelung des Marco Civil teilweise auf und legte umfassendere Sorgfaltspflichten fest. Die Plattformen reagierten auf gesetzliche Anforderungen, öffentlichen Druck und wirtschaftliche Anreize. Darum ist Regulierung wichtig: Sie legt Mindeststandards fest.
Erstens eine umfassende Risikobewertung für Algorithmen und Produkte mit öffentlichen Ergebnissen und überprüfbaren Resultaten. Zweitens Transparenz – Veröffentlichung detaillierter Daten zu Löschanträgen. Drittens: Bekämpfung koordinierter Belästigung durch Aufdeckung von Mustern und Unterbindung von Kampagnen, nicht nur einzelner Beiträge. Und vor allem: Einrichtung von Mechanismen für die gemeinsame Regulierung mit der Zivilgesellschaft und Bereitstellung von opferzentrierten Rechtshilfen, die sich auf die Wiederherstellung der digitalen Sicherheit konzentrieren. Das Ziel ist nicht die Beseitigung aller feindseligen Äusserungen – das ist weder möglich noch wünschenswert. Ziel ist es, zu verhindern, dass Frauenfeindlichkeit als Zensur wirkt und Frauen von der Teilnahme ausschliesst. Das ist ein globales Problem.
Das Buch «Online Misogyny in Brazil: Law, Internet Governance, and the Struggle for Gender Justice» kann kostenlos bei Springer heruntergeladen werden. Am 5. Februar präsentiert Mariana Valente ihre Ergebnisse in einem Webinar des Centre for Protecting Women Online. Die Teilnahme ist kostenlos.
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