Campus - 07.04.2026 - 11:00
Für Murat Abdullin, Dalia Shaaban, Max Neuwinger (alle drei ETH), Danylo Koza (Zaporizhzhya National Technical University) und viele andere war das Besondere am diesjährigen START Hack, dass Teams mit ähnlichen technologischen Grundlagen arbeiteten. LLMs und Copiloten seien überall präsent gewesen. Genau das habe den Wettbewerb interessant gemacht: Nicht die Tools selbst hätten den Unterschied ausgemacht, sondern die Frage, wie sie eingesetzt werden. Wer überzeugen wollte, musste den User verstehen und daraus etwas formen, das sich als Produkt kommunizieren lässt.
Technisch setzte das Team auf eine Mischung aus Antigravity mit Gemini, VSCode, IntelliJ sowie Claude Code. Wichtig war nicht, an einem einzigen Stack festzuhalten, sondern je nach Phase die passenden Werkzeuge einzusetzen.
Im Belimo-Case schien Anomalieerkennung zunächst der offensichtliche zentrale Punkt zu sein. Im Gespräch mit dem Unternehmen habe das Team aber schnell gemerkt, dass dies nicht das Kernproblem war. Aktuatoren senden laufend technische Signale etwa zu Position, Drehmoment, Temperatur oder Statuscodes. Für Ingenieur:innen seien diese Daten gut lesbar, für Nicht-Spezialist:innen jedoch deutlich schwerer einzuordnen. Für das Team, ohne Vorwissen bezüglich des Case, habe es Zeit gebraucht um die Bedeutung der Daten in der Praxis zunächst nachzuvollziehen.
Deshalb investierten die vier viel Zeit in Fragen an das Unternehmen Belimo. Entscheidend sei gewesen zu verstehen, wie Personen im Unternehmen mit den Daten arbeiten und was die Erwartungshaltung des Unternehmens sei. Hieraus entstand die eigentliche Aufgabenstellung: nicht nur Anomalien erkennen, sondern die Daten für eine Stakeholdergruppe zugänglich machen. Die Lösung sollte komplexe Hardwaresignale in klare, handlungsrelevante Erkenntnisse übersetzen.
An Ideen mangelte es dem Team nicht. Im Gegenteil: Schon früh habe es viele Bausteine gegeben. Die Schwierigkeit bestand darin, diese zu einem kohärenten Produkt und zu einer schlüssigen Geschichte zu verbinden. In der Hälfte des Hackathons sei deshalb der entscheidende Moment gekommen. Das Team trat einen Schritt zurück, strukturierte das Vorhandene und entschied bewusst, was bleiben, was gestrichen und wie alles zusammenhängen sollte. Als das Gerüst für Produkt und Pitch stand, fand alles andere seinen Platz. Rückblickend würden sie beim nächsten Hackathon höchstens eines anders machen: diesen Strukturierungsschritt etwas früher ansetzen.
Der Schlüssel zu einem funktionierenden Prototyp in kurzer Zeit lag für das Team in einer Art 80/20-Denken: zuerst die wenigen Dinge identifizieren, die wirklich zählen, und diese sauber umsetzen. Genauso wichtig sei gewesen, die Erwartungen des Unternehmens präzise zu treffen, statt sich in unnötigen Features zu verlieren. Die grosse technische Herausforderung lag laut Team in der Kunst, alles visuell intuitiv zu machen. Früh habe man verstanden, dass die Lösung das Problem verfehlt, wenn die Benutzeroberfläche nicht stimmt. Ihr Produkt beschreiben die vier als einen ganzheitlichen (End-to-End) Ansatz: von rohen Hardwaresignalen zu klaren, konkreten Handlungsschritten. Sie wollten nicht bei technischen Outputs stehenbleiben, sondern sichtbar machen, was getan werden sollte und welche Stakeholder jeweils involviert sind.
Zusammengefunden hatte das Team über überlappende Freundschaften. Alle kannten bereits mindestens eine andere Person gut. Murat Abdullin brachte die Gruppe zusammen. Für die meisten war es einer der ersten Hackathons. Entsprechend sei man mit einer eher spielerischen Haltung gestartet: als Lernerfahrung, nicht nur als Wettbewerb.
Gerade diese Ausgangslage habe das Team effizient gemacht. Weil bereits Vertrauen vorhanden war, konnte offen kommuniziert, schnell entschieden und gleichzeitig eine lockere Stimmung bewahrt werden. Die Aufgabenverteilung blieb flexibel. Das Team habe sich ständig abgestimmt und situativ entschieden, wer woran arbeitet. Nicht alles lasse sich in einem Hackathon sinnvoll aufteilen; manchmal übernehme eine Person einen Bereich vollständig, dann werde wieder gewechselt. Ergänzt wurde das Ganze durch bewusst eingebaute Mario Kart Pausen.
Die Konkurrenz sei deutlich spürbar gewesen, erzählen die vier. Man befinde sich in einem Raum voller sehr kluger und fähiger Menschen, ständig werde gebaut, ausprobiert und diskutiert. Der Druck sei weniger belastend als motivierend gewesen, wenn man ihn nicht selbst unnötig erhöhe. Die vier hätten die Stimmung bewusst leicht gehalten, viel gelacht und sich selbst nicht zu ernst genommen.
Gewonnen zu haben, sei für alle ein unglaublicher Moment gewesen, zumal das Team nicht damit gerechnet habe. Der emotionale Höhepunkt sei aber der Prozess an sich gewesen.
Aus Sicht von HSG-Alumna Tetyana Drobot lag die zentrale Idee des START Hack 2026 darin, Tech- und Business-Talente in einer kollaborativen Umgebung zusammenzubringen. Genau das habe sich in der Arbeit der Teams gezeigt: Technische Umsetzung sei mit durchdachtem Design und solider Business-Logik verbunden worden. Gleichzeitig habe der Hackathon Ehrgeiz und Leichtigkeit gut ausbalanciert. Side-Activities, Robotershows zur Halbzeit und Meme-Challenges hielten die Energie hoch.
Im Vergleich zu früheren Ausgaben und Hackathons anderer Institutionen hebt Drobot vor allem zwei Punkte hervor: die grössere Dimension des Events sowie die gestiegenen Erwartungen der Case-Partner.
Als technologische Trends nennt Drobot agentische KI, Orchestrierungs- und Systemdesign. Gleichzeitig sei Datenaufbereitung für viele Projekte eine zentrale Herausforderung gewesen. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihr auch Teams aus der Gaming-Challenge von PostFinance, die Wege gefunden hätten, komplexe Finanzthemen spielerisch-zugänglich zu vermitteln. Bei der Bewertung hätten Jurys nicht nur auf Funktionalität geachtet, sondern auf Vollständigkeit, Nutzbarkeit und Storytelling. Anders als bei offeneren Formaten, aus denen unkonventionellere, aber weniger umsetzbare Ideen hervorgehen würden, stand Anwendbarkeit im Fokus.
Dass ein Event dieser Grösse vollständig studentisch organisiert wird, bezeichnet Drobot als beeindruckend. Jedes Jahr werden trotz eines wechselnden Teams; Partner, Speaker:innen, Mentor:innen, Volunteers, Sicherheit, Venue und Catering koordiniert. Dass es bei dieser Grössenordnung auch Lernfelder gebe, sei selbstverständlich und habe sogar seinen Weg in die diesjährige Meme-Challenge gefunden. Umso treffender sei das Motto auf den T-Shirts gewesen: «running on caffeine, deadlines and adrenaline».
Auch die internationale Entwicklung des Events hebt Drobot hervor. Teilnehmende aus Kontinenten wie Lateinamerika waren angereist und wurden von der Universität in der Rolle als Gastgeberin divers in Form von Studierenden, Organisationsteams, Alumni, Speaker:innen und Spin-offs empfangen.
Für Drobot ist der START Hack mehr als ein Wettbewerb. Denn die Veranstaltung stärke aus ihrer Sicht die europäische Startup-Szene und die Position der Schweiz als Tech-Standort, da sie Sichtbarkeit schafft und Talente anzieht. Es sei gut möglich, dass manche Teilhabende in diesen 48 Stunden ihre künftigen Mitgründer:innen kennengelernt haben.
Ihr Rat an Interessierte für nächstes Jahr fällt entsprechend direkt aus: nicht lange überlegen, sondern einfach teilnehmen. Man werde überrascht sein, wie viel in zwei Tagen möglich ist und solle dabei vor allem eines nicht vergessen: Spass zu haben.
Adria Pop studiert im vierten Semester den Master in Computer Science an der Universität St.Gallen.
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