close

Forschung - 11.06.2026 - 10:30 

Wie wir den «Europäischen Weg» des autonomen Fahrens vorantreiben können

Autonomes Fahren kann den Strassenverkehr sicherer, nachhaltiger und effizienter machen. Doch während Robotaxi-Anbieter aus den USA und China ihre Flotten skalieren, stecken europäische Projekte noch in der Pilotphase. Ein neuer HSG-Forschungsbericht zeigt Handlungsoptionen auf.
Die drei Co-Autoren vom Institut für Mobilität der Universität St.Gallen von links nach rechts: Tamara Wisser, Karla Ruggaber, Prof. Dr. Andreas Herrmann. Der vierte Mitautor, Johann Jungwirth von Mobileye, ist nicht abgebildet.

Autonomes Fahren ist weltweit auf dem Vormarsch, doch in Europa ist es derzeit noch kaum möglich, selbstfahrende Autos oder Shuttlebusse auf öffentlichen Strassen zu nutzen. Dabei bergen Robotaxis enorme Potenziale, die Sicherheit im Strassenverkehr zu erhöhen und den Verkehr effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Auch könnten sie dazu beitragen, Angebotslücken auf dem Land zu schliessen. Doch welche Schritte müssen unternommen werden, um diese Möglichkeiten zu realisieren? Und wie können europäische Akteure zur globalen Konkurrenz aufschliessen, um sicherzustellen, dass autonomes Fahren im Sinne des «European Way» implementiert wird?

Diesen Fragen ist nun ein Team aus HSG-Forschenden in Zusammenarbeit mit dem Technologieunternehmen Mobileye nachgegangen. Anhand exklusiver Experten-Einblicke, verschiedener Marktanalysen und Case Studies von Robotaxi-Ökosystemen erstellten sie einen Überblick zum Stand des globalen Markts für autonomes Fahren, unter besonderer Berücksichtigung des europäischen Kontexts. Mittels einer Umfrage unter deutschen Konsumenten untersuchten sie zudem potenzielle Nutzergruppen für autonome Fahrzeuge. Die Ergebnisse zeigen Trends im Angebot, den Rahmenbedingungen und der (potenziellen) Nutzung von autonomen Fahrzeugen auf. Aus ihrer Analyse entwickelten die Forschenden zudem Handlungsempfehlungen für europäische Akteure, um eine schnelle, grossflächige und nachhaltige Implementierung des «European Way» für Robotaxis zu ermöglichen.

Skalierung in China und den USA, Pilotprojekte in Europa

Die Analyse zeigt, dass das Robotaxi-Angebot in China und den USA vor allem von Technologie-Firmen betrieben wird, während Initiativen in Europa oft als Projekte unter der Leitung oder Mitwirkung des ÖPNV entstehen. «Der Europäische Weg ist geteilte Mobilität. Das Ziel ist es, Robotaxis mit dem öffentlichen Verkehr sinnvoll zu verknüpfen», erklärt Tamara Wisser, Doktorandin am Institut für Mobilität der HSG und eine der Autorinnen des Berichts. Dies stünde im Kontrast zu China und den USA, wo autonome Fahrzeuge eher traditionelle Taxis ersetzen, unterstreicht Prof. Dr. Andreas Herrmann, ebenso Co-Autor der Studie und Direktor des Instituts für Mobilität an der HSG.

Auch im Implementierungsfortschritt zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen China und den USA auf der einen Seite und Europa auf der anderen: Kommerzielle Anbieter wie Apollo Go, WeRide und Pony.ai in China sowie Waymo, Zoox und Tesla in den USA expandieren aktuell bereits sowohl im Heimatmarkt als auch international. Im Gegensatz dazu sind Projekte in Europa zwar zahlreich, stecken aber zumeist noch in der Pilotphase. 

In Deutschland existieren beispielsweise Initiativen in Hamburg, München, Darmstadt und Berlin, in denen Tests bereits seit einigen Jahren durchgeführt werden oder für dieses Jahr geplant sind. Oslo gilt als europäisches Zentrum des autonomen Fahrens: hier werden Roboshuttles bereits seit 2019 erprobt. In London sollen 2026 gleich mehrere Projekte starten, zum Beispiel getragen durch den US-Anbieter Waymo oder das britische Unternehmen Wayve in Zusammenarbeit mit Uber. In der Schweiz existieren mehrere Initiativen. Das Pilotprojekt «iamo» wird zum Beispiel bereits im Furttal getestet und zielt darauf ab, das ÖPNV-Netz im ländlichen Raum zu ergänzen. 

Rahmenbedingungen entscheiden über eine erfolgreiche Implementierung

Um den grossflächigen Einsatz von Robotaxis auf öffentlichen Strassen zu ermöglichen, sind die regulatorischen, politischen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen entscheidend. Diese variieren von Region zu Region stark – was auch den unterschiedlichen Stand der Implementierung, vor allem zwischen China und den USA einerseits und Europa andererseits, erklärt. So fehlt es in Europa aufgrund der Regulierung des operativen Einsatzes auf nationaler Ebene an einem einheitlichen gesetzlichen Rahmen über die verschiedenen Länder hinweg. 

Auch beschränkt sich die Politik in Europa grösstenteils auf die Förderung von Forschungs- und Innovationsprojekten und auf Absichtserklärungen, während die chinesische Regierung bereits die Massenproduktion von autonomen Fahrzeugen priorisiert und die USA an der Harmonisierung der Sicherheitsstandards arbeitet. Infrastrukturell muss für eine Skalierung des autonomen Fahrens generell sichergestellt werden, dass die Strassen- und Verkehrsinfrastruktur für Robotaxis interpretierbar ist, die digitale Infrastruktur und Konnektivität leistungsfähig sind und die Betriebs-, Lade- und Serviceinfrastruktur in ausreichender Dichte vorhanden ist.

Ausbaufähiges Marktpotenzial 

Am Fallbeispiel von Deutschland analysierte das Team das aktuelle Potenzial für eine breite Akzeptanz und Nutzung von Robotaxis unter Konsumenten. Die Ergebnisse der Umfrage machen deutlich, dass die Nachfrage – zumindest unter deutschen Konsumenten – noch nicht das volle Potenzial erreicht hat, obgleich das autonome Fahren eine echte Chance für einen sichereren und nachhaltigen Strassenverkehr darstellt. So kennen zwar zwei Drittel der Befragten das Konzept der Robotaxis, doch nur etwa die Hälfte von ihnen gibt an, an einer zukünftigen Nutzung interessiert zu sein. Geringere Transportkosten sind unter Interessierten ein wichtiger Motivationsfaktor. Zudem darf die Nutzung keine Nachteile wie beispielsweise eine längere Fahrzeit mit sich bringen. Auch wollen potenzielle Nutzer bereits im Voraus wissen mit wem sie sich eine Fahrt teilen werden. Eine besondere Herausforderung für die Etablierung des «European Way» im autonomen Fahren stellen die sehr unterschiedlichen Nutzungsmotive für die am stärksten interessierten Zielgruppen dar: Während die einen in Robotaxis vor allem nachhaltige Mobilität suchen, sind andere an der exklusiven Erfahrung der noch sehr neuen Technologie interessiert. Wieder andere erhoffen sich von Robotaxis vor allem eine preisgünstige Mobilitätsoption. Eine erfolgreiche Implementierung des «European Way» des autonomen Fahrens hängt daher zentral von der Anpassung des Angebots an sehr diverse Nutzerbedürfnisse ab. 

Handlungsbedarf für die Implementierung des «European Way»

 

Aus ihrer Analyse leiten die Autoren Handlungsempfehlungen ab, um den «European Way» im autonomen Fahren voranzutreiben – orientiert am gesellschaftlichen Nutzen und auf hohe Sicherheits-, Datenschutz- und Umweltstandards bedacht. Auf der Angebotsebene sollte der Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Behörden, ÖPNV- und Robotaxi-Unternehmen gefördert werden, um ein emergentes Ökosystem zu schaffen, das in seiner Gesamtheit mehr gesellschaftlichen Nutzen bringen kann als die Leistungen der einzelnen Akteure. Ebenso sind bessere Rahmenbedingungen nötig: So muss die Regulierung harmonisiert werden, um Sicherheit zu gewährleisten und Skalierung zu ermöglichen. Die Politik sollte ein klares, positives Signal für eine langfristige und nachhaltige Unterstützung senden, um Vertrauen bei Investoren zu schaffen. Auf der Nutzungsebene sollten eine nahtlose Integration von Robotaxis in bestehende Verkehrsangebote des ÖPNV sichergestellt und nutzerzentrierte Geschäftsmodelle entwickelt werden, um Akzeptanz und Nachfrage unter Konsumenten sicherzustellen.

north