«Kunst ist immer explosiv»

Konzeptkünstler Roman Signer liess an der HSG Flaschen schwerelos im Audimax tanzen und gestaltete funkensprühende Lehmpakete für Besucher der öffentlichen Vorlesungen. Mit seiner Kunst-Aktion endete am 28. November die fünfteilige Vorlesungsreihe «Wem gehört die Stadt?».

29. November 2011. Sechs Glasflaschen pendeln an kaum sichtbaren, langen Plastikfäden neben dem Rednerpult im Audimax der HSG. Unter Reiswein, Vodka und anderen Destillaten surren runde Stahlventilatoren. Die kleinen Windmaschinen lassen die Flaschen wie ein Perpetuum mobile gemächlich einen Meter über dem Boden kreisen. Der Gestalter der Installation ist für seine virtuosen Spreng-Aktionen bekannt. So jagte er anlässlich des Gotthard-Durchschlags zum Beispiel Hundert gelbe Bauhelme in die Luft (Schweizer Fernsehen, 15. Oktober 2011).

Dass Signers Werke auch in St.Gallen immer wieder für hitzige Debatten über das Wesen der Kunst sorgen, freute Stadtrat Nino Cozzio. Kunstskandale belebten das kulturelle Geschehen in Städten, sagte Peter Nobel. Der passionierte Kunstsammler sann in seinem Vortrag der Entwicklung des Kulturbegriffs nach. Über alle Epochen der Kunstgeschichte hinweg habe Kunst im öffentlichen Raum für Diskussion gesorgt, die Region St.Gallen liefere allein schon diverse Beispiele. So auch Roman Signers Brunnen im St.Galler Stadtzentrum. Oder die Calatrava-Busstation auf dem Marktplatz.

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Was dann tatsächlich als Kunst ausgewählt und wahrgenommen werde, bestimme eine interessierte, manchmal auch selbsternannte Elite, deren Aufgabe es sei, die demokratische Kultur zu pflegen. «Nicht jede Flasche, die explodiert, ist Kunst», sagte Nobel. Aber jede Form von Kunst sei explosiv. Denn sie sorge für emotionsgeladenen Streit über Geschmack.

Den explosiven Schlusspunkt setzte Roman Signer nach dem Vortrag vor dem Hauptgebäude der Universität. Hier liess er sechs im Kreis angeordnete «Lehmpäckli» Funken sprühen: Ein sekundenschnelles Feuerwerk, gefolgt von Rauchschwaden. Wie, das war alles? Die ganze Arbeit für einen so kurzen Moment? Die Tonpakete liegen auf dem Boden wie geöffnete Blumen, im Inneren gähnende Leere (sanktgallentv, 30. November 2011).

Neugierig sahen sich die Besucher die Pakete nach dem Knall von allen Seiten an. Rätselhaft, Signers Zeitskulptur? Peter Nobel nahm das Erlebnis im Vortrag bereits theoretisch vorweg: «Kunst ist immer avantgardistisch und auch unverständlich. Die Diskussion über sie ist jedoch ein Massstab demokratischer Kultur.» 

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