Aktuelle Navigationsebene
Vorherige Navigationsebene
Nächste Navigationsebene
Aktuelle Navigationsebene
Nächste Navigationsebene
Aktuelle Navigationsebene

Wechsel an der ES-HSG ‒ Interview mit Peter Gomez

Prof. Dr. Peter Gomez, während der vergangenen sechs Jahre Dean der ES-HSG, übergibt sein Amt per 1. Februar an seinen Nachfolger. Ein Gespräch über lebenslanges Lernen, die Bedeutung der ES-HSG für die Universität St.Gallen und Weiterbildung in Krisenzeiten.


Herr Gomez, die ES-HSG pflegt die Botschaft vom «lebenslangen Lernen». Was bedeutet diese für Sie?
Die Halbwertszeit des Wissens wird heute immer kürzer. Vieles, was man früher für ein Leben lernte, das ist heute nach zwei, drei Jahren obsolet. Was wir im Grundstudium an der HSG vermitteln, ist eine wichtige Grundlage. Vieles davon ist auch zeitlos ‒ zum Beispiel wie man eine Bilanz liest. Am Beispiel Strategie, das nur eines von vielen ist, aber zeigt sich das Gegenteil. Während der vergangenen Jahrzehnte konnte man sagen, es gibt Ansätze zu diesem Thema, die für alle Zeiten gelten, so etwa die «five forces» von Michael Porter. Wenn ich mir aber heute anschaue, wie sich Firmen strategisch ausrichten müssen, dann stehen sehr oft juristische und regulatorische Themen im Vordergrund. Der CEO der Swiss Life erläuterte jüngst an einem Vortrag, wie anspruchsvoll es für sein Unternehmen ist, den Parcours über juristische und regulatorische Hindernisse zu meistern, die Firmen heute in den Weg gestellt werden. Wer diesen Parcours erfolgreich absolvieren will, der muss zwangsläufig auf dem neusten Stand sein ‒ also lebenslang lernen.

Wie gehen die Weiterbildungsprogramme an der Executive School darauf ein? Haben sie eine besondere, durchgehende Eigenschaft?
Unsere Philosophie reflektiert sich im Namen der ES-HSG: Executive School of Management, Technology and Law. Das heisst, wir möchten Probleme integriert betrachten, nicht isoliert aus der Sicht von Management oder Technologie oder Jurisprudenz. Die Integration dieser drei Disziplinen zieht sich als roter Faden durch sämtliche Programme der ES-HSG. Dieser ganzheitliche Ansatz differenziert die HSG seit jeher von anderen Bildungsinstitutionen. Beste Beispiele dafür sind unsere Programme in Unternehmensführung und Recht, die wir während der vergangenen sechs Jahre unter der Leitung von Leo Staub aufgebaut haben. Sie sind anerkannt als führend in Europa.

Sie sind während Ihrer sechsjährigen Tätigkeit als Dean sicher häufig ins Gespräch mit Absolventen gekommen. Wie ist der Tenor dieser Gespräche gewesen? Was haben Ihnen die Absolventen erzählt?
Von den Absolventen, die an der Universität St.Gallen studiert haben, sagen uns eigentlich alle, dass sie an der HSG ein sehr gutes Rüstzeug erhalten hätten, dass sie auf dieser Grundlage sehr gut aufbauen könnten. Sie sagen uns aber auch, dass die immer unübersichtlichere, komplexere Welt nach anderem und zusätzlichem Wissen verlange, das sie an der ES-HSG erhalten. Viele jener Absolventen, die nicht an der HSG studiert haben, berichten uns beeindruckt vom ganzheitlichen und extrem praxisnahen Ansatz unserer Weiterbildungsprogramme.
Interessant ist zum Beispiel der EMBA: 30 bis 40 Prozent der Teilnehmer kommen heute aus dem Gesundheitsbereich. Da sind Chefärzte und Professoren darunter. Es ist ja nicht etwas gottgegebenes, ob man eine gute Führungskraft ist oder nicht. Ärzte, aber auch Ingenieure oder Juristen wachsen in Führungspositionen, ohne dass sie das Rüstzeug dafür haben. Bei uns holen es sich diese Spitzenkräfte.

Eines der Ziele der Executive School ist es, wesentlich zur internationalen Reputation der HSG beizutragen. Wie bilanzieren Sie Ihre sechs Amtsjahre diesbezüglich?
Rankings sind nicht alles ‒ aber doch sehr wichtig für uns als Universität St.Gallen. Wir möchten im European Business Schools Ranking der Financial Times vorne dabei sein. Vier von fünf Kategorien in diesem Ranking beziehen sich auf Weiterbildungsangebote. Gegenwärtig liegt die HSG auf dem 16. Platz in Europa. Das heisst, die ES-HSG hat bereits viel dazu beigetragen, in dieser Rangliste gut abzuschneiden. Ein Rang unter den besten zehn ist das Ziel, das wir als Universität St.Gallen erreichen möchten.

Lassen sich Rankings managen oder beeinflussen? Lässt sich etwas tun, um besser abzuschneiden?
Beeinflussen lässt sich nichts. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit. Was man aber machen kann ist, Programme auf Kriterien und Kategorien von Rankings auszurichten, um einen gewissen Wettbewerbsvorteil herauszuholen. Das heisst, wir haben jene unserer Programme, die in den Rankings an den Start gehen, sportlich getrimmt, damit sie wie ein Sportler fit für die Herausforderung sind ‒ statt wie früher einfach abzuwarten und zu schauen, wie wir rangiert werden.


Seit 2008 besteht der erweiterte Campus des WBZ Holzweid. Was hat dieser bewirkt für die Weiterbildungsangebote der Universität St.Gallen?
Die Infrastruktur, die eine Top-Business-School den Absolventen zur Verfügung stellt, spielt natürlich auch eine Rolle. Das WBZ, dieses Bijou, hatten wir ja bereits. So stellten wir uns die Frage, wie wir es noch verbessern und vergrössern könnten und vor allem, wie ein Ausbau finanziert werden könnte. Damals wurde die Idee geboren, die HSG-Alumni in die Finanzierung einzubeziehen, um einen richtigen WBZ-Campus zu realisieren mit Unterkünften und weiteren Hörsälen. Dozenten, Absolventen und Gäste sind begeistert vom Resultat. Andere Business Schools beneiden uns um unser WBZ. Es gibt keine Universität in der Schweiz, die etwas Vergleichbares besitzt.

Die ES-HSG sagt mit einem gewissen Stolz, dass sie mit ihrem Angebot zu einem Viertel des Budgets der Universität St.Gallen beiträgt.
Wenn man es sehr grosszügig rechnet ist es etwa ein Viertel. Das Weiterbildungsangebot an der Universität St.Gallen geht ja über die ES-HSG hinaus. Auch die Institute sind vielfältig in der Weiterbildung tätig, wobei sich dort dann häufig Weiterbildung und Beratung vermischen, was die Abgrenzung schwierig macht: Was ist wirklich Weiterbildung? Was sind andere Einkünfte der Institute? Entscheidender aber ist: Die ES-HSG finanziert sich vollumfänglich selbst. Auch in den jüngsten Krisenzeiten haben wir immer mindestens eine schwarze Null geschrieben, während andere Business Schools in arge Probleme schlitterten. Die Selbstfinanzierung der ES-HSG muss gewährleistet sein. Für uns gibt es keine Möglichkeit, auf Quersubventionierungen zurückzugreifen. Was auch ein Vorteil sein kann: Wer selbsttragend sein muss, der bemüht sich mehr.

Eines der Ziele der ES-HSG ist, Gewinn für die Universität St.Gallen zu generieren, was sie ja bereits in hohem Masse tut. Besitzt sie diesbezüglich weiteres Entwicklungspotenzial?
Sicher. Die ES-HSG hat innerhalb der Universität den klaren Leistungsauftrag, beträchtliche Mittel zu erwirtschaften, damit die HSG auch unabhängiger von staatlichen Geldern werden kann. Das wird sich in nächster Zeit tendenziell positiv entwickeln. Während der Krisenzeit haben sich viele Firmen aus der Weiterbildung zurückgezogen, jetzt aber zieht das Geschäft wieder an, weil auch die Wirtschaft wieder läuft.

Bietet denn die ES-HSG einfach jene Weiterbildungsprogramme an, die am meisten Einnahmen versprechen?
Überhaupt nicht. Wir haben an der ES-HSG einerseits Programme wie den EMBA, der sehr gut etabliert und auch eine grosse Ertragsquelle ist. Andererseits müssen wir aber auch sehr viel experimentieren, um zum Beispiel neue Master- oder Diplomprogramme zu entwickeln. Solche brauchen eine recht lange Anlaufzeit, bis sie nachhaltig profitabel sind.
Es ist ja nicht so, dass die ES-HSG einfach zu besseren Rankingresultaten und Mitteln für die Universität St.Gallen verhelfen soll. Das sind interne Leistungsaufträge. Dabei geht aber oft vergessen, das wir auch einen Bildungsauftrag in diesem Land erfüllen. Wir stellen Möglichkeiten und Inhalte zur Verfügung, die der Schweiz und dem mitteleuropäischen Raum zugute kommen. Die ES-HSG rein opportunistisch zu betreiben macht keinen Sinn. Wir sind ja keine Beratungsfirma, die in die eigene Tasche wirtschaftet. Wir sind ein Teil der Universität St.Gallen.

Wie wichtig sind die firmenspezifischen Programme, welche die Executive School anbietet?
Die sind ein Schwergewicht. Sie sind zum Beispiel in Firmen gefragt, denen eine unité de doctrine sehr wichtig ist. In einigen Unternehmen ‒ auch internationalen ‒ verantworten wir bis zur gesamten Management-Weiterbildung. Das sind enorme und teils auch langjährige Engagements. Vor der Finanzkrise boomte dieser Geschäftszweig der ES-HSG. Während der Krise brach die Nachfrage förmlich in sich zusammen. Die Firmen strichen als erstes die Weiterbildungsprogramme. Wir konnten aber zumindest einen grossen Teil der Kunden halten. Und weil wir zusammen mit den nicht-firmenspezifischen Programmen wie zum Beispiel dem EMBA ein breit diversifiziertes Porfolio haben, ist es uns gelungen, unbeschadet durch die Krise zu kommen. Mit der verbesserten Wirtschaftslage zieht nun auch das Geschäft der firmenspezifischen Programme rasch wieder an.

Geben Sie Ihrem Nachfolger als Dean der ES-HSG, Prof. Dr. Winfried Ruigrok, etwas mit auf den Weg?
Der Übergang ist sehr harmonisch. Wir arbeiten seit Jahren gemeinsam an der Weiterentwicklung der Weiterbildung an der HSG. Noch bevor es den MBA gab, hat Winfried Ruigrok zusammen mit mir den Master in International Management initiiert. Danach verantwortete er das MBA-Programm und war Mitglied des Direktionsteams der ES-HSG. Er hat während der vergangenen Jahre sämtliche Entwicklungen miterlebt. Ihm muss niemand erklären, wie Weiterbildung funktioniert.

Interview: Jürg Roggenbauch, 28. Januar 2011