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Klimagipfel Cancún - Interview mit Rolf Wüstenhagen

Am Wochenende ging die die Weltklimakonferenz in Cancún zu Ende. Ein Gespräch mit Rolf Wüstenhagen, Professor am Lehrstuhl für Management Erneuerbarer Energien, über Chancen, Emissionsziele und die Rolle der erneuerbaren Energien für den Klimaschutz.

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, befürchtete, dass die Klimakonferenz in Cancún eine reine «Wohlfühlsitzung» ohne Ergebnisse werde. Wie waren Ihre Erwartungen im Vorfeld? 
Sie waren gering. Letztes Jahr vor Kopenhagen waren die Erwartungen relativ hoch. Zum einen weil die allgemeine Aufmerksamkeit im Vorfeld des Gipfels eine andere war, zum anderen weil die Regierungschefs nach Kopenhagen kamen. Man hatte das Gefühl, kurz vor Auslaufen des Kyoto-Protokolls, könnte der grosse Durchbruch kommen. Er kam nicht. Wenn man sich jetzt anschaut, was seit Kopenhagen passiert ist, dann waren die Vorzeichen in Cancún deutlich ungünstiger.

Wie beurteilen Sie die am Wochenende beschlossenen Ergebnisse?
Man kann das Glas als halb leer oder als halb voll ansehen. Positiv ist zu vermerken, dass der Dialog wieder in Gang gekommen ist und sich alle Beteiligten der Ernsthaftigkeit der Lage bewusst zu sein scheinen. Auf diplomatischer Ebene ist das Abschlusspapier von Cancún also immerhin ein Etappensieg für die internationale Klimapolitik. Inhaltlich hingegen erwiesen sich die geringen Erwartungen als berechtigt - die diplomatische Einigung wurde nicht zuletzt deshalb erzielt, weil wichtige Knackpunkte vertagt wurden.

Was könnte nach dem Etappensieg von Cancún der nächste Schritt sein?
Es ruhen gewisse Hoffnungen auf dem Klimagipfel in Südafrika im kommenden Jahr.

Warum sollte in Südafrika gelingen, was in Cancún misslang?
Das Kyoto-Protokoll läuft noch bis 2012. Kommendes Jahr ist also wirklich «Eins vor Zwölf». Vielleicht ist der Termindruck ein Anreiz, nun wirklich zum grossen Durchbruch zu kommen. Allerdings muss man für diese Einschätzung Optimist sein.

Was wäre eine andere Lösung?
Ich denke es ist wertvoll, dass man sich weiter um eine globale Antwort auf die Klimaherausforderung bemüht, aber ich weiss nicht, ob es realistisch ist, im nächsten Jahr ein Abkommen zu erwarten. Nach Kopenhagen hat auch Cancún wieder gezeigt, wenn es überhaupt zu einem Abkommen kommt, dann bleibt dies so unverbindlich, dass es das Problem nicht löst. Die Klimawissenschaftler sagen uns ziemlich eindeutig, dass die globalen Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 % gesenkt werden müssen. Trotz dieser soliden Faktenbasis konnte man sich bislang weder auf verbindliche Emissionsziele noch auf Massnahmen auf dem Weg dorthin einigen, und so blieb es bei der nun nochmals bekräftigten Absichtserklärung, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen. Dies zeigt, wie schmal der Spielraum bei den Verhandlungen ist.

Sollten also nationale Anstrengungen verstärkt werden?
Ein Potential sind sicherlich Initiativen «von unten». Länder, Gemeinden, Regionen können Massnahmen ergreifen und tun dies auch. Die EU hat mit dem Emissionshandel ein in sich funktionierendes System. Sie ist nicht unmittelbar angewiesen auf ein globales Abkommen. Während die klimapolitischen Bemühungen der Administration Obama in Washington in eine Sackgasse geraten sind, hat Kalifornien ein ehrgeiziges Klimagesetz, das kürzlich auch noch einmal in einer Volksabstimmung bestätigt wurde. Das andere Potential liegt im Wachstum von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz. In China findet zum Beispiel ein enormes Wachstum bei der Wind- und Solarenergie statt - dies aus Gründen, die zum Teil mit dem Klima zu tun haben, teilweise aber auch ganz andere sind. Sei es der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Industrie, Erschliessung von Exportpotentialen, die Versorgung der ländlichen Bevölkerung in China mit Strom, der Abbau der Importabhängigkeit beim Erdöl, und so weiter.

Kann ein Gipfel wie der in Cancún ein Bewusstsein für diese Themen schaffen?
Letztes Jahr in Kopenhagen ist zwar kein griffiges Abkommen herausgekommen, aber immerhin haben sich Barack Obama und seine Amtskollegen aus den Schwellenländern zwei Tage darüber gestritten, wie das nun gehen könnte mit dem Klimaschutz. In Cancún waren die Staatschefs nicht dabei, und vielleicht hat man gerade deshalb wieder einen konstruktiveren Dialog geführt. Auf der Ebene der Bewusstseinsbildung, der Bemühungen Lösungen zu finden, ist man einen Schritt vorangekommen.


Was sind für Sie die wichtigsten Punkte, die in Cancún verhandelt wurden?
Meinen Sie die wichtigsten Ergebnisse oder die Punkte, bei denen es wichtig gewesen wäre, Ergebnisse zu erzielen...? Das ist leider nicht ganz das gleiche. Wichtig wäre, dass man im Bereich den wir «Mitigation» nennen, der Festlegung von verbindlichen Emissionszielen, zueinander findet. Dies gelingt vielerorts nicht einmal in den Ländern selbst. Obama konnte sich auch deshalb in Kopenhagen nicht verpflichten, weil er nicht das nötige Mandat zu Hause hat. In einem ersten Schritt müssten die Länder zu solchen Emissionszielen kommen, bevor sie sich international verpflichten können. Ein bisschen besser sieht es im Bereich «Adaptation» aus

…die reichen Länder geben Geld dafür, dass die armen Länder sich vor den Folgen des Klimawandels schützen können…
Hier hat man in Kopenhagen  zumindest auf dem Papier eine Einigung erzielt, die nun in Cancún weiter konkretisiert wurde. Allerdings wurde seit dem letzten Jahr nur ein Bruchteil der versprochenen Gelder bezahlt. Es ist das gleiche Problem, das wir bei der Entwicklungshilfe und den Vereinten Nationen haben… Ein weiterer Bereich, in dem es Fortschritte gegeben hat, ist der Schutz der Wälder als wichtige CO2-Senke.

Google hat in Cancún die sogenannte «Google Earth Engine» vorgestellt, die Forschern helfen soll, die Entwicklung der Wälder zu analysieren. Image-Massnahme oder hilfreiches Tool?
Alles was dem Ziel hilft ist gut. Sowohl Unternehmen als auch Länder machen all diese Schritte nicht aus Idealismus, sondern weil sie einen Nutzen darin sehen.

Hat Europa eine Chance sich gegen die grössten Emittenten wie Amerika oder China in Bezug auf nachhaltige Energiepolitik durchzusetzen und diese zu einem Umdenken zu bewegen?
Ja und Nein. Die Hälfte der CO2-Emissionen stammen aus Amerika und China, was dort passiert ist also zweifellos wichtig. Die Rolle, die Europa einnehmen kann, ist, mit positivem Beispiel voranzugehen. Studien wie seinerzeit der viel beachtete Bericht des britischen Ökonomen Sir Nicholas Stern zeigen ja auch immer wieder: Wirtschaftswachstum und Wohlstand auf der einen Seite, Klimafreundlichkeit auf der anderen Seite sind keine Widersprüche. Es muss nur jemand vormachen. Europa könnte hier eine Vorreiterrolle übernehmen.

Der Weltenergie-Ausblick der Internationalen Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass die globale Wirtschaft zwischen 2008 und 2035 um durchschnittlich 3,2% pro Jahr wächst. Wie ist diese Entwicklung energiepolitisch in den Griff zu bekommen?
Ich habe am Sonderbericht des Weltklimarates (IPCC) mitgeschrieben, zur Frage welche Rolle können erneuerbare Energien für den Klimaschutz einnehmen. Was sich hier abzeichnet ist, es gibt ein breites Spektrum von Vorhersagen: die Szenarien für 2050 weisen einen Anteil erneuerbarer Energien an der Welt-Energieversorgung von 20 bis 80 % aus. Die gute Nachricht: Es könnte tatsächlich ein sehr hoher Anteil werden. Ob es ein hoher Anteil wird hängt stark damit zusammen, wie hoch die Energieeffizienz wird. Die IEA ist mittlerweile selbst an dem Punkt, dass ein «Weiter wie bisher» keine Lösung sein kann. Dies würde in ein Desaster führen: ökonomisch und ökologisch.

Bis wann müssten Fortschritte erreicht werden?
Die Klimaszenarien zeigen, dass es auf die nächsten paar Jahrzehnte ankommt. Wenn wir den bisherigen Emissionsweg noch 20 Jahre weiter gehen, ist die Chance vorbei, am Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad zu kommen. Durch Kurskorrekturen bleibt diese Chance bestehen. Man kann gute Gründe für Pessimismus finden. Ich bin aber eher auf der optimistischen Seite, vor allem durch das dynamische Wachstum erneuerbarer Energien in Europa und in den Schwellenländern.

Was bleibt vom Klimagipfel in Cancún?
Einerseits die erfreuliche Erkenntnis: Totgesagte leben länger - nach dem Scheitern von Kopenhagen war es gut zu sehen, dass man sich offenbar in der internationalen Klimapolitik wieder auf dem Weg zurück zum konstruktiven Dialog über diese für die Zukunft der Menschheit wichtige Frage befindet, und die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls und ein völkerrechtlich verbindliches Regelwerk zumindest bis zur Konferenz in Durban 2012 weiterlebt. Andererseits aber auch eine inhaltliche Ernüchterung: Die Interessensgegensätze zwischen Nord und Süd sind nach wie vor gross, und es klafft eine Lücke zwischen dem Notwendigen und dem Machbaren. Insofern festigt sich die Erkenntnis, dass parallel nach anderen Wegen gesucht werden muss. Konkret: auf der Lösungsseite, im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz. Es sollte zu einem positiven Wettlauf kommen. Wer baut am schnellsten Arbeitsplätze auf mit erneuerbaren Energien? Wer profitiert dementsprechend von den Exportchancen und der verminderten Abhängigkeit von fossilen Ressourcen? Wenn es zu einem solchen Wettbewerb kommt, dann werden künftige Klimakonferenzen noch viel mehr von der positiven Dynamik haben, die zum Abschluss von Cancún den Hoffnungsschimmer in die internationale Klimapolitik wieder aufleben liess.

Rolf Wüstenhagen ist Professor für Management Erneuerbarer Energien am IWÖ-HSG.

Interview: Markus Zinsmaier, 13. Dezember 2010.