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- 10.11.2022 - 00:00

COP-27: Klimaverhandlungen waren früher einmal wichtig

Auch dieses Jahr richtet sich eine gewaltige mediale Aufmerksamkeit auf die internationalen Klimaverhandlungen. Diese Aufmerksamkeit verkennt allerdings, wie sich die Klimaverhandlungen durch das Pariser Abkommen verändert haben. Von Klaus Dingwerth.

Dafür, dass wir die diesjährige Klimakonferenz tiefer hängen können, gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens hat sich die Funktion der Klimaverhandlungen erheblich verändert, seit die Staaten sich 2015 auf das Pariser Abkommen geeinigt haben. Seitdem dieses Abkommen in Kraft ist, geben die Regierungen an, wie hoch ihre «national festgelegten Beiträge» zum Klimaschutz sein werden. Alle fünf Jahre kommunizieren sie ihre individuellen Ziele, und mit jedem Ziel, das sie den Vereinten Nationen vorlegen, müssen sie ihre Ambitionen erhöhen.
 
Die Berichterstattung zum letztjährigen Klimagipfel in Glasgow war bedeutsam, weil dieser zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem die Staaten neue nationale Ziele vorlegen mussten. Aber das ist weder in diesem noch in den meisten anderen Jahren der Fall. Und selbst wenn es der Fall ist, dienen die Klimagespräche – anders als noch unter dem Kyoto-Protokoll – nicht länger als Forum für das «Aushandeln» solcher Verpflichtungen. Stattdessen sind sie hauptsächlich ein grober Indikator dafür, was die Regierungen bereit sind, beizutragen (und daneben ein Forum, um die Industrieländer öffentlich an ihre Zusagen zur Klimafinanzierung zu erinnern).

Klimahandeln findet in Wirtschaft und Gesellschaft bereits statt

Zweitens ist die Medienberichterstattung in der Regel auf dramatische «Verhandlungsmisserfolge» (2009 in Kopenhagen) oder «Verhandlungsdurchbrüche» (2015 in Paris) ausgerichtet. Doch solche Begrifflichkeiten sind irreführend. So war selbst die COP-21 in Paris nicht einfach eine diplomatische Meisterleistung, bei der der französische Außenminister Laurent Fabius und die UN-Klimachefin Cristina Figueres einen globalen Konsens über eine neue Architektur der internationalen Klimazusammenarbeit orchestrierten. Zwar haben beide ihren Teil dazu beigetragen, und es stimmt auch, dass die wichtigsten Klimavereinbarungen auf Konferenzen verabschiedet wurden, die von Staaten mit besonders starken diplomatischen Netzwerken ausgerichtet wurden. Aber alle wichtigen Ideen, die nun im Pariser Abkommen verankert sind, wurden bereits seit Jahren, mitunter Jahrzehnten, diskutiert, bevor eine Einigung erzielt werden konnte.
 
Kurz: Während Klimaschutzmassnahmen schnell erfolgen müssen, ist die Diplomatie ihrem Wesen nach langsam. Es schadet nicht, wenn die Staaten weiterhin über die Klimafinanzierung oder die Entschädigung für Verluste und Schäden diskutieren. Klimahandeln aber findet heutzutage anderswo statt: in zahlreichen Investitionsentscheidungen, in den Entscheidungen von Unternehmen, sich auf die unweigerlich kommende Zukunft einer kohlenstoffbeschränkten Welt einzustellen, in Strassenprotesten zur Beendigung von Subventionen für fossile Brennstoffe, in Städten und Gemeinden, die sich verpflichten, bis 2040 Klimaneutralität zu erreichen, und vielleicht sogar in Sachbüchern und «Climate-Fiction»-Erzählungen, die uns helfen, uns eine Welt ohne Treibhausgasemissionen und – nicht minder wichtig – mögliche Wege dahin vorzustellen.

Augen auf gesellschaftlichen Wandel richten

Was immer gemeinsames Handeln auf diesen Ebenen erreichen kann, wird es den Staaten ermöglichen, ehrgeizigere Zusagen zu machen und damit die Klimaverhandlungen interessanter zu gestalten. Unsere Gewohnheit, die jährlichen Treffen der Klimadiplomaten "scheitern" oder "gelingen" zu sehen, ist aber genau das geworden: eine Gewohnheit. Vielleicht sogar eine schlechte Angewohnheit, denn letztlich drückt sie die Hoffnung aus, dass diejenigen, die sich in Sharm al-Sheikh treffen, das Problem "für uns" lösen werden.
 
Das Gegenteil aber ist der Fall: Regierungen können mehr versprechen – und damit andere zu anspruchsvolleren Versprechen drängen – wenn ihre Gesellschaften Lösungen anbieten, die höhere Klimaschutzziele erlauben. Wir tun also gut daran, alle Augen darauf zu richten, wie und wo sich unsere Gesellschaften bereits wandeln und wie wir die grössten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Stolpersteine auf den Wegen zur Netto-Null überwinden können. Im besten Fall das ganze Jahr über.

Klaus Dingwerth ist Professor für Politikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der politischen Theorie der globalisierten und digitalen Gesellschaft.

Image: Adobe Stock / Rafael Henrique

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