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Forschung - 15.01.2021 - 00:00

Covid-19 & Ibuprofen: Guido Cozzi über die Auswirkungen der Falschmeldungen

Professor Guido Cozzi von der Fakultät für Wirtschafts- und Politikwissenschaften (SEPS) untersucht, wie sich eine ungenaue Berichterstattung rund um nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAP) in den frühen Stadien des Coronavirus-Ausbruchs nachteilig auswirkte.

 

15. Januar 2021. Wie wir gesehen haben, ist SARS-CoV-2 ein gefährliches Virus, das schwere Entzündungen hervorruft, die eine regelmässige Behandlung mit Entzündungshemmern unter Aufsicht und nach Verschreibung von Ärzten notwendig machen. Dieses Virus kann ein Zytokin-Freisetzungssyndrom mit Endothelläsionen und Lungenthrombosen auslösen. Um dem entgegenzuwirken, wurden bei mehreren schweren hospitalisierten Fällen in Europa starke Gerinnungshemmer wie Heparin erfolgreich eingesetzt.
 

Ein am 11. März 2020 in The Lancet Respiratory Medicine veröffentlichter Artikel über eine chinesische Studie vom 24. Februar 2020 legte bedauerlicherweise den Schluss nahe, dass Ibuprofen den Erfolg der Behandlung von Covid-19 beeinträchtigen könnte. Folglich warnte am 14. März 2020 der französische Gesundheitsminister Olivier Veran vor der Einnahme von Ibuprofen bei Covid-19-Infektionen und empfahl Paracetamol. Seine Warnung verbreitete sich in Chaträumen und sozialen Medien weltweit und viele erkrankte Personen stellten daraufhin ihre in Selbstmedikation erfolgte Einnahme nichtsteroidaler Antiphlogistika (NSAP) ein.

Eingaben des Suchbegriffs Ibuprofen auf Google

Die Wirkung dieser Warnung in der französischen Bevölkerung lässt sich anhand der Anzahl der Eingaben des Suchbegriffs Ibuprofen auf Google verfolgen, die genau am 14. März 2020 einen Höchststand erreichte, wie in der folgenden Abbildung zu sehen ist:

Professor Guido Cozzi von der Fakultät für Wirtschafts- und Politikwissenschaften (SEPS) untersucht, wie sich eine ungenaue Berichterstattung rund um nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAP) in den frühen Stadien des Coronavirus-Ausbruchs nachteilig auswirkte
 

Die Europäische Arzneimittel-Agentur und die Weltgesundheitsorganisation bemühten sich in der Folge den Menschen weltweit zu versichern, dass es in der Tat keine wissenschaftliche Grundlage für das Absetzen von NSAP im Zusammenhang mit Covid-19 gab. Leider hatte sich die Panik bereits verbreitet und es dauerte Wochen, wenn nicht gar Monate, bis diese Fehlinformation berichtigt werden konnte.
 

Die Panikreaktion betraf nicht nur die Verwendung von Ibuprofen, sondern erstreckte sich auch auf andere Entzündungshemmer. Von schweren Covid-19-Symptomen betroffene Personen begannen, sich ausschliesslich mit Paracetamol zu behandeln, das allerdings wirkungslos gegen Entzündungen und Thrombosen ist. Somit entgingen den Opfern die entzündungs- und gerinnungshemmenden Eigenschaften von NSAP. Ich vermute, dass dieser Fehler zu der hohen Zahl an Todesfällen in einigen Ländern beigetragen hat. Am auffälligsten ist die massive Zunahme der Zahl der an Covid-19 verstorbenen Personen in Frankreich, wie diese Abbildung zeigt:

Professor Guido Cozzi von der Fakultät für Wirtschafts- und Politikwissenschaften (SEPS) untersucht, wie sich eine ungenaue Berichterstattung rund um nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAP) in den frühen Stadien des Coronavirus-Ausbruchs nachteilig auswirkte
 

Ähnliche Muster waren in der Folge auch in Grossbritannien und anderen Ländern zu beobachten. Auch in den USA schienen ähnliche Befürchtungen vorzuherrschen. In einem zweiten Fall, der am 26. März 2020 seinen Anfang nahm, wurde die Vermeidung von Ibuprofen durch einen Tweet ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage ausgelöst. Am Tag darauf hatte sich die Meldung bereits überall in den sozialen Medien verbreitet.

Professor Guido Cozzi von der Fakultät für Wirtschafts- und Politikwissenschaften (SEPS) untersucht, wie sich eine ungenaue Berichterstattung rund um nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAP) in den frühen Stadien des Coronavirus-Ausbruchs nachteilig auswirkte
Professor Guido Cozzi von der Fakultät für Wirtschafts- und Politikwissenschaften (SEPS) untersucht, wie sich eine ungenaue Berichterstattung rund um nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAP) in den frühen Stadien des Coronavirus-Ausbruchs nachteilig auswirkte
 

Bemerkenswert ist, dass dieser Höchststand bei den Suchanfragen den vom 18. März 2020 deutlich übertraf, als die US-Regierung offiziell die Öffentlichkeit in Hinblick auf die Verwendung von Ibuprofen beruhigt hatte – und damit der Warnung des französischen Ministers widersprach.
 

Leider stieg die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 in der Folge extrem an:

Professor Guido Cozzi von der Fakultät für Wirtschafts- und Politikwissenschaften (SEPS) untersucht, wie sich eine ungenaue Berichterstattung rund um nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAP) in den frühen Stadien des Coronavirus-Ausbruchs nachteilig auswirkte

Korrelation ohne klare Folgerungen bezüglich der Ursachen

Was ich hier aufzeige, ist lediglich eine Korrelation ohne klare Folgerungen bezüglich der Ursachen und selbstverständlich ist dieser Fall einer Fehlinformation nicht der einzige Grund für den Anstieg der Corona-Zahlen. Zu viele Einflussfaktoren, einschliesslich des Infektionsverlaufs als solcher, müssten untersucht werden, bevor der Schluss gezogen werden könnte, dass die Ächtung von NSAP einen so erheblichen Anstieg der Todesfälle verursacht hat.
 

Dennoch können wir davon ausgehen, dass diese Verbreitung von Falschmeldungen zu Beginn und in der ersten Welle der Pandemie zahlreiche Patienten von der Einnahme entzündungshemmender Medikamente in den entscheidenden Frühstadien ihrer Covid-19-Erkrankung abgehalten hat. Zumindest sollte dieser Vorfall all denen eine Lehre sein, die Informationen aus sozialen Medien ohne Blick auf deren Quellen folgen, sowie denen, die der Ansicht sind, dass Fake News keinen nennenswerten Schaden anrichten können.
 

Bild: Adobe Stock / Michael Flippo

 

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