close

Forschung - 16.03.2021 - 00:00

Chancenbarometer: Frauen, beteiligt euch.

Heute sieht die Schweiz nicht mehr vor, dass sich Politik-Machen und Frau-Sein ausschliesst. Umso erstaunlicher, dass Frauen ein halbes Jahrhundert nach der Verfassungsänderung ihre politische Wirksamkeit noch immer unterschätzen. Prof. Dr. Tina Freyburg stellt die Hauptaussagen der Sonderpublikation des Chancenbarometers anlässlich 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz vor.

16. März 2021. Um Zukunft gestalten zu können, müssen wir Chancen für positive Veränderungen sehen. Es sind bedeutend mehr Frauen als Männer, die sehr grosse Chancen für politische Gestaltung sehen. Ihre Visionen sind eine Ressource, die eine zukunftsorientierte Gesellschaft zu nutzen weiss.

Chancenbarometer

Schweizerinnen sind realistische Optimistinnen: Sie sehen den Handlungsbedarf und die Chancen in kontroversen Fragen. Signifikant grössere Chancen sehen sie primär in den Bereichen, die gesellschaftlich polarisieren: Altersvorsorge, Zuwanderung, Beziehungen der Schweiz zur EU sowie Klimawandel. Gleichzeitig erkennen Frauen hier auch grossen Handlungsbedarf.

Chancenblick auf Probleme

Wer chancenorientiert an Probleme herangeht, schafft die Voraussetzungen dafür, sie auch zu bewältigen. Doch ein Chancenblick ist auch voraussetzungsvoll. Frauen mit höherer Bildung und einem überdurchschnittlichen Einkommen sehen allgemein eher grosse Chancen. Und Frauen auf dem Land signifikant weniger. Während Frauen, die sehr grosse Chancen sehen, in allen Kategorien gleichermassen zu finden sind, gibt es unter den auf dem Land lebenden Frauen und solchen mit weniger Einkommen oder Bildung weniger moderate Optimistinnen. Alter spielt keine signifikante Rolle.

Chancenbarometer
Chancenbarometer

Frauen bevorzugen allgemein weniger exponierte Formen der politischen Beteiligung wie das bewusste Nichtkaufen oder Kaufen bestimmter Produkte. Männer hingegen bringen gerne ihre politischen Ansichten offen zum Ausdruck, sei es im Internet oder direkt gegenüber Politiker:innen. Frauen, die sich selbst als wirksam erleben, beteiligen sich ähnlich exponiert wie Männer. Und dies unabhängig davon, ob sie chancenorientiert sind, oder nicht. Haben Frauen einen Chancenblick, treten auch sie eher mit ihren politischen Ansichten nach aussen, selbst wenn sie sich als wenig wirksam erleben. Gleichzeitig empfinden sich Frauen, die sich politisch einbringen, als signifikant wirksamer, unabhängig von Alter, Bildung, Einkommen und Wohnort. Partizipation ist nicht nur erforderlich für eine demokratische Entscheidungsfindung, sondern bietet den Bürgerinnen auch Entwicklungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten.

Handlungsempfehlungen für ein stärkeres Engagement der Schweizerinnen

Viele Frauen betrachten Politik als eine Sphäre, auf die sie persönlich keinen Einfluss nehmen können. Dass sie aber durch individuelles Handeln an bestehenden Zuständen etwas ändern können, demonstrieren Berichte über das Wirken von Frauen. Den Frauen selbst sei geraten, das eigene Handeln nicht von der Hoffnung auf einen positiven Ausgang abhängig zu machen, sondern von der Überzeugung, dass es richtig ist, sich zu engagieren.

Frauen wollen Verantwortung übernehmen. Das Rüstzeug für wirkungsvolles Engagement bringen sie mit. Allein sie erleben sich als weniger wirksam als Männer. Mit Änderungen an Strukturen und Prozessen ist es nicht getan: Es geht um kulturelle Akzeptanz, das Aufbrechen bestehender Werthaltungen und Rollenverständnisse sowie dem kreativen Verändern bisheriger Spielregeln. Frauen können hierzu selbst beitragen, indem sie ihre Kompetenzen und Interessen klar kommunizieren.

Mehr Frauen auf Podien und in Gesprächsrunden sorgen nicht nur dafür, dass ihre ganz eigenen Ideen und Interessen in den gesellschaftlichen Diskurs einfliessen. Sie zeigen auch, dass ihre Ansichten und Erfahrungen als Frauen wichtig sind. Damit dies nachhaltig Wirkung zeigt und motiviert, muss Frauen zugehört werden. Zu oft werden sie von Männern unterbrochen. Pionierinnen dürfen sich nicht entmutigen lassen.

Verbesserung der Rahmenbedingungen

Sollen mehr Frauen für politisches Engagement gewonnen werden, braucht es eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Die Pandemie zeigt, dass mehr Flexibilität in der Arbeitswelt möglich ist. Es gilt, den Blick zu öffnen für breitere Möglichkeiten und diese konsequent zu nutzen. Frauen können dazu beitragen, die Arbeitswelt 4.0 zu definieren. Und sie sollten sich zutrauen, das politische Engagement von Morgen mitzugestalten. Damit Frauen und Männer gleiche Chancen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung haben.

Frauen können in einer men’s world leicht das Gefühl bekommen, nicht dazu zu gehören. Je mehr Frauen sich selbst sichtbar engagieren und dazu aufgefordert werden, desto mehr fühlen sich andere Frauen ermutigt, es ihnen gleich zu tun. Es wird dann einfach selbstverständlicher. Und es ist wichtig, dass Frauen sich zusammenschliessen, mit anderen Frauen und auch mit Männern. Frau allein kann keinen nachhaltigen Wandel bewirken.

Prof. Dr. Tina Freyburg leitet das «Chancenbarometer», welches von der LARIX Foundation. Innovation matters herausgegeben wird. Auf der Webseite chancenbarometer.com können Sie sich ausführlicher über die Studie informieren. Im Herbst 2021 werden wir dort die Ergebnisse der diesjährigen repräsentativen Befragung veröffentlichen.

Bild: Adobe Stock / pishit

north