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Campus - 03.11.2016 - 00:00 

Sports Economics Day 2016: Integration von Flüchtlingen durch Sport

Ist Sport ein geeignetes Mittel, um Flüchtlinge in unsere Gesellschaft zu integrieren? Und was ist eigentlich Integration? Am 4. Sports Economics Day der Universität St.Gallen präsentierten Wissenschaftler und Praktiker Sichtweisen und Ergebnisse. Von Studentenreporter Thomas Tarantini.

4. November 2016. «Es treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander». Unter diesem Aufhänger startete die erste Referentin, Dr. Johanna Franziska Gollnhofer, Projektleiterin am Institut für Customer Insight. Sie definierte den Begriff «Integration» wissenschaftlich, nämlich als Schnittstelle einer starken eigenen kulturellen Identität (der Migranten) und einer positiven Wahrnehmung der Kultur im Ankunftsland. Dies sorge für eine multikulturelle Gesellschaft mit einem harmonischen Zusammenleben. Jedoch erfordere es dafür auch beidseitige Anpassungen. Die Definition von Frau Heike Kübler vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ging in eine ähnliche Richtung. Neben der Gleichberechtigung bei kultureller Vielfalt betonte sie insbesondere die Langfristigkeit als wichtiges Merkmal der Integration.

Sport ermöglicht Integration

Sport könne bei der Integration helfen, sagte Franz Fischer vom «Büro der Vereinten Nationen für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden». In seinem Referat bezeichnete der UN-Repräsentant Sport gar als «wichtigen Ermöglicher nachhaltiger Entwicklung». Sport hat Konfliktlösungspotential, Sport ermöglicht Gleichberechtigung verschiedener Kulturen, Sport integriert Menschen mit Behinderung und Sport fördert die Jugend. All diese Argumente lassen sich aus Franz Fischers Aussage herauslesen. Dr. Gollnhofer fügte hinzu, dass Sport eine sogenannte «Liminalität» erzeugen könne. Konkret bedeutet dies, dass eine Art Zwischenraum geschaffen wird, in dem das alltägliche Klassifizierungssystem ausgehebelt wird. Somit spiele es keine Rolle, ob manche Spielerinnen in einem Frauenteam Kopftücher tragen, solange sie im selben Team spielen. Für Heike Kübler stellen diese Teams beziehungsweise Sportvereine die Grundlage für die Integration dar. Vereine vermittelten kulturelle Werte, erlaubten eine Netzwerkbildung und das erst noch zu einem günstigen Preis.

Begrenzte Kapazitäten, vielfältige Herausforderungen

Die Kapazitäten der deutschen Sportvereine seien jedoch begrenzt. Ein entscheidender Faktor sei hierbei die Nutzung von Sporthallen als Notunterkunft für Flüchtlinge, sagte Heike Kübler. Dazu gesellen sich gemäss Franz Fischer weitere Herausforderungen wie die häufige Umsiedlung der Migranten, administrative Probleme, ein Mangel an Lehrkräften und Trainern sowie Rassismus. Kübler ergänzte, dass zumindest die Sporthallensituation zunehmend besser werde und neue Sportangebote ermögliche. Auffallend sei jedoch die massiv grössere Angebotsnutzung von Männern als von Frauen. Dies bestätigte auch Claudia Nef, Leiterin des Kompetenzzentrums Integration des Kantons St.Gallen. Gründe dafür könnten die Lebenssituation bezüglich Zeit und Familie sein sowie die grundsätzliche Einstellung zum Sport. Franz Fischer pflichtete ihr bei und sagte, dass zuerst die Grundbedürfnisse abgedeckt sein müssen, bevor man sich um Sport kümmern könne. Bezüglich der Integration von Migranten-Kindern brachte Jaromir Mazel, selbst ehemaliger Migrant, der sofort im Schweizer Sport Fuss gefasst hat, den Verein «Schubs» (Schule für Bewegung und Sport) als mögliche Anlaufstelle ins Spiel. Dies stelle auch für die Eltern eine Chance dar, die sich so durch «Passivsport», also durch das blosse Anschauen einer Sportveranstaltung, integrieren können.

Koordination von Regierungen, Gemeinden und Sportverbänden

UN-Repräsentant Franz Fischer machte darauf aufmerksam, dass Flüchtlinge bald auch direkt in die Organisation solcher Angebote eingebunden werden sollen. Daneben bemühe sich die UNO unter anderem um eine bessere Koordination von Regierungen, Gemeinden und Sportverbänden, um die Suche nach geeigneten Partnern zu vereinfachen. Vorbilder für die Migranten sollen gefördert werden. Im Zentrum aber stehe die Vernetzung zwischen den Parteien. Heike Kübler betonte indes den hohen Stellenwert der Freiwilligen- beziehungsweise Ehrenamtlichen-Arbeit. Sie seien in allen Bereichen auf diese Hilfe angewiesen und hofften, dass die Bereitschaft dazu konstant bleibe oder sogar noch wachse.

Positive Bilanz

Zum Schluss zogen alle Podiumsdiskussions-Teilnehmenden eine positive Bilanz des Abends. Wertvolle Erkenntnisse konnten gewonnen werden. Die Organisatoren vom Schweizerischen Institut für Empirische Wirtschaftsforschung (SEW-HSG) und dem Universitätssport zeigten sich zufrieden. Jedoch blieben einige offene Fragen. Prof. Dr. Michael Lechner vom SEW-HSG hat die Podiumsdiskussion geleitet. Auf die Frage, wie er die Veranstaltung bewertet, antwortete er: «Ich bin schockiert. Schockiert darüber, wie wenig wir eigentlich wissen. Wir wissen weder genau was wir machen, noch was das kostet, noch was daraus wird.» In der Tat konnten während des gesamten Abends kaum statistisch greifbare Angaben zur genauen Finanzierung und Budgetierung der Aktivitäten, zur Effektivität der Massnahmen oder zur Ansprache der Geschlechter gemacht werden. Dennoch war das Zusammenbringen der unterschiedlichen Perspektiven bereichernd. Die Veranstaltung regte zum Nachdenken an. Oder wie Heike Kübler es zum Ende ihres Referats ausdrückte: «Bleiben Sie neugierig auf Ihr Gegenüber».

Thomas Tarantini studiert im fünften Semester Betriebswirtschaftslehre an der HSG.

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